Chiara Merhi Februar 2026
Dieser Artikel ist der erste einer Reihe zum Thema „Gender, Gesundheit und Medizin“. Ehemalige und aktuelle studentische Mitarbeiterinnen von Gender Campus haben diese Reihe für Sie vorbereitet. Den Anfang macht ein Beitrag über Probleme im Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten: der männliche Körper als Norm, unpassende Dosierungen, hormonelle Einflüsse oder fehlende klinische Tests... ein – nicht vollständiger – Überblick.
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Die westliche medizinische Forschung hat sich lange an einem männlichen Normkörper orientiert – mit Folgen, die bis heute spürbar sind. Viele Medikamente, Therapieempfehlungen und Behandlungsstandards basieren auf Daten, die überwiegend an Männern erhoben wurden. Für Frauen und andere Geschlechter entstehen dadurch Wissenslücken, erhöhte Risiken und systematische gesundheitliche Benachteiligungen. Der folgende Blogbeitrag beleuchtet zentrale Problemfelder – von Psychopharmaka über Chemotherapien bis hin zur Schwangerschaft – und zeigt: Eine geschlechtersensible Medizin ist kein „nice-to-have“, sondern überfällig.
Der männliche Körper als „Norm“ – ein systemisches Problem
Die moderne westliche Medizin beruft sich traditionell auf Objektivität, doch diese vermeintliche Neutralität ist historisch gewachsen, und männlich geprägt. Seit dem 18. Jahrhundert gilt der männliche Körper als Standardmodell der medizinischen Forschung. Weibliche Körper wurden hingegen als Abweichung, Sonderfall oder primär im reproduktiven Kontext betrachtet. Anatomische Lehrbücher der frühen Neuzeit basierten fast ausschliesslich auf männlichen Körpern; weibliche Anatomie erschien nur dort, wo sie für Fortpflanzung relevant schien.
Diese androzentrische Normierung setzte sich bis in die Moderne fort: Weibliche Beschwerden wurden häufiger psychologisiert als „hormonell“ abgetan oder pathologisiert – bis hin zur Diagnose der „Hysterie“. Symptome wie chronische Schmerzen, Migräne oder psychische Belastungen erhielten selten eine seriöse differenzierte Diagnostik. Noch heute zeigt sich dieses Erbe beispielsweise in der verspäteten Diagnose weiblicher Herzinfarktsymptome, oder in der verspäteten Behandlung von Endometriose, oder auch allgemeiner in der Schmerzmedizin.
Der männliche Körper als Massstab führt somit nicht nur zu methodischen Verzerrungen, sondern zu struktureller Ungleichheit, mit verheerenden Folgen für die Gesundheit vieler Menschen.
Psychopharmaka: Gleich dosiert – ungleich wirksam
Frauen erhalten deutlich häufiger Psychopharmaka wie Antidepressiva oder Anxiolytika als Männer – jedoch nicht, weil ihre Erkrankungen zwingend häufiger auftreten. Vielmehr spiegeln sich hier diagnostische und gesellschaftliche Verzerrungen: Psychische Leiden von Frauen werden schneller erkannt oder pathologisiert, während Symptome bei Männern häufiger übersehen werden. Zudem existieren fundamentale pharmakokinetische Unterschiede:
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Frauen haben einen höheren Körperfettanteil,
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eine langsamere Magenentleerung,
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und eine veränderte Aktivität bestimmter Leberenzyme.
Dies führt dazu, dass bei gleicher Dosierung höhere Wirkstoffkonzentrationen im Blut entstehen und damit ein grösseres Risiko für Nebenwirkungen.
Ein prominentes Beispiel ist das Schlafmittel Zolpidem: Erst 2013 passte die US-amerikanische FDA die Dosierung offiziell an, nachdem Frauen regelmässig am Folgetag verkehrsuntauglich waren. Die empfohlene Dosis wurde für Frauen halbiert – ein seltener Fall regulatorischer Konsequenzen aus geschlechtsspezifischen Erkenntnissen.
Solche Anpassungen bleiben jedoch die Ausnahme. Bis heute beruhen viele Dosierungsempfehlungen auf männlichen Normdaten, was zu „prescribing cascades“ führen kann: Frauen erhalten Medikamente gegen Nebenwirkungen von Medikamenten, die nicht optimal auf sie angepasst sind.
Chemotherapie: Dosiert für Männer, toxischer für Frauen
Besonders drastisch zeigt sich das männliche Bias in der Onkologie. Zahlreiche Chemotherapeutika wurden auf Grundlage männlicher Durchschnittswerte getestet. Dosiert wird meist nach Körperoberfläche – ein Modell, das geschlechtsspezifische Unterschiede unzureichend abbildet. Frauen haben:
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eine geringere Muskelmasse,
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ein höheres Verhältnis von Körperfett,
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und häufig eine langsamere renale Clearance.
Diese Faktoren führen dazu, dass Frauen effektiv höhere Wirkstoffdosen pro Kilogramm Körpergewicht erhalten – mit entsprechend höherer Toxizität. Studien belegen, dass Frauen häufiger unter akuten Bluttoxizitäten, Schleimhautentzündungen, Übelkeit oder Haarausfall leiden. Selbst in modernen Systemtherapien wie Immuntherapien zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit und Antikörperbildung. Trotz dieser Evidenz fehlen bis heute systematische Dosierungsmodelle, die geschlechtsspezifische pharmakologische Profile berücksichtigen.
Schwangere und Forschungslücken mit hohen Risiken
Der Bereich Schwangerschaft ist besonders prekär: Schwangere Personen werden meist aus klinischen Studien ausgeschlossen, einerseits aus ethischen Gründen, andererseits aus wirtschaftlichen. Der Ausschluss führt jedoch zu einem massiven Problem:
Es existieren kaum evidenzbasierte Daten zur sicheren Anwendung vieler Medikamente während der Schwangerschaft.
Dies hat mehrere Folgen:
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Medikamente werden oft Off-Label verschrieben.
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Ärzt*innen tragen hohe Unsicherheit, weil keine belastbaren Dosierungsempfehlungen existieren.
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Schwangere erhalten teils widersprüchliche oder unvollständige Informationen.
Gleichzeitig verändern Schwangerschaften die Pharmakokinetik erheblich, da das Blutvolumen, die Nierenfiltration und die hormonelle Regulation verschieben sich Trimester-abhängig. Standarddosierungen, meist anhand von Daten männlicher oder nicht-schwangeren Proband*innen entwickelt, greifen hier nicht.
Das Resultat ist eine medizinische Grauzone, die sowohl das ungeborene Kind als auch die schwangere Person gefährdet. Projekte wie Gendered Innovations betonen deshalb, dass der Ausschluss Schwangerer langfristig mehr Schaden als Nutzen anrichtet.
Ausblick & Forderungen
Die Medizin bleibt durch historische und das strukturelle Androzentrismus geprägt – und damit blind für zentrale Unterschiede, die für Diagnostik, Therapie und Patient*innensicherheit essenziell sind. Kernerfordernisse für eine gerechtere Medizin sind:
- Repräsentative Forschung
Studien müssen geschlechtsspezifische Unterschiede explizit untersuchen, insbesondere bei Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungen von Präparaten. - Strukturelle Reformen
Gender-Medizin braucht institutionelle Verankerung in Spitälern, Hochschulzentren, Forschungsdesigns und pharmazeutischer Entwicklung. - Aufklärung und Sensibilisierung
Fachpersonen müssen die männliche Norm kritisch reflektieren und Patient*innen differenziert informieren. - Intersektionaler Blick
Geschlecht wirkt nicht isoliert: Herkunft, soziale Zugehörigkeit, Alter, Behinderung, oder Trans-/Intergeschlechtlichkeit beeinflussen die medizinische Versorgung massgeblich.
Quellen- und Literaturverzeichnis:
Werke und Monografien
- Beauvoir, Simone de. Le deuxième sexe. Paris: Gallimard, 1949.
- Butler, Judith. Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. New York: Routledge, 1990.
- Criado-Perez, Caroline. Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men. London: Vintage, 2019.
- Fausto-Sterling, Anne. Sexing the Body: Gender Politics and the Construction of Sexuality. New York: Basic Books, 2000.
- Laqueur, Thomas. Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1990.
- Schiebinger, Londa. Has Feminism Changed Science? Cambridge, MA: Harvard University Press, 1999.
- Schiebinger, Londa. Nature’s Body: Gender in the Making of Modern Science. Boston: Beacon Press, 1993.
Beiträge in Sammelwerken
- Pinn, Vivian W. „A View of the History of Sex/Gender Medicine in the United States.“ In: Principles of Gender-Specific Medicine, hg. v. Marianne J. Legato, 3. Aufl., S. 17–23. London: Elsevier Academic Press, 2017.
Medizinische Fachliteratur
- Dekker, Maartje, et al. „Sex proportionality in clinical trials submitted to the European Medicines Agency: A cross-sectional study.“ PLOS Medicine 18, Nr. 2 (2021): e1003586.
- Franconi, Flavia, und Ilaria Campesi. „Sex and gender influences on pharmacological response: An overview.“ Expert Review of Clinical Pharmacology 7, Nr. 4 (2014): 469–485.
- Özdemir, Berna C., et al. „Sex Differences in Efficacy and Toxicity of Systemic Treatments: An Undervalued Issue in the Era of Precision Oncology.“ Journal of Clinical Oncology 38, Nr. 7 (2020): 626–630.
- Tannenbaum, Cara, et al. „Sex, gender, and systematic reviews: Opportunities to explore differential effects.“ Journal of Clinical Epidemiology 96 (2018): 121–123.
- Conforti, Francesco, et al. „Biological sex affects the response to cancer immunotherapy.“ Cancer Immunology Research 6, Nr. 4 (2018): 447–452. 20.
- Seeman, Mary V. „Gender differences in disorders that present to psychiatry.“ Women’s Health Issues 20, Nr. 3 (2010): 135–141.
- Beck, Jan. „Medikamente werden seltener an Frauen getestet.“ SWR Wissen, 2021. [Stand 16.05.2025].
- Gadebusch-Bondio, Mariacarla. „Gender und Medizin: Eine Einführung.“ Zeitschrift für Medizinethik 60, Nr. 1 (2014): 5–12.
- MMW – Fortschritte der Medizin. „Braucht es rosa Pillen? Geschlechterunterschiede in der Pharmakologie.“ MMW 164 (2022): 14–18. [Stand 16.05.2025].
Berichte und juristische Quellen
- FDA. „FDA Approves New Label Changes and Dosing for Zolpidem Products.“ Drug Safety Communication, 01.10.2013. [Stand 16.05.2025].
- NIH Revitalization Act of 1993. Public Law 103-43. [Stand 16.05.2025].
Webseiten
- Gendered Innovations. „Prescription Drugs.“ Stanford University. [Stand: 16.05.2025].
- UZH Foundation. „Projekt Gendermedizin.“ [Stand: 10.05.2025].
- DocCheck Flexikon. „Clearance.“ [Stand: 10.05.2025].
Publikationsdatum:
04. Februar 2026
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