Geschlechterverhältnisse in Mittel-, Südost- und Osteuropa und Ostdeutschland
Die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben Fragen von Geschlecht, Sexualität und intersektionaler Ungleichheit in Mittel-, Südost- und Osteuropa sowie in Ostdeutschland erneut ins Zentrum öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten gerückt. Damit verbunden ist eine wachsende Aufmerksamkeit für die Vielfalt geschlechterbezogener Lebensrealitäten, für gesellschaftliche Transformationsprozesse sowie für neue theoretische und empirische Zugänge in der Geschlechterforschung.
Der Blick gen ‚Osten‘ ist untrennbar mit der Frage nach Arbeits- und Geschlechterverhältnissen verbunden – auch weil eine zentrale Ost-Erzählung die besondere Bedeutung von Arbeit im Lebenszusammenhang sowie die im Vergleich zum ‚Westen‘ stärkere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt betont. Wie steht es jedoch nun, unter post-transformatorischen Bedingungen, um das Verhältnis von Geschlecht, Arbeit, Care und Ökonomie in Mittel-, Südost- und Osteuropa sowie in Ostdeutschland? Seit den 2000er Jahren hat insbesondere die Migrations- und Care-Forschung auf die zunehmende transnationale Verflechtung von Arbeits- und Lebensverhältnissen hingewiesen. Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit und familiale Sorgearrangements sind längst grenzüberschreitend organisiert und werden durch globale Ungleichheitsverhältnisse strukturiert. Ein prägnantes Beispiel für globale Care Chains ist die Figur der pendelnden oder migrierenden Care-Arbeiterin, etwa polnischer Pflegekräfte oder Haushaltshilfen in Deutschland, die zu einer zentralen Sozialfigur der gegenwärtigen Care-Krise geworden ist. Daneben geraten zunehmend auch globale Reproduktionsmärkte und die transnationale Organisation kommerzieller ‚Leihmutterschaft‘ (z.B. in der Ukraine) in den Blick. Solche Konstellationen verweisen nicht nur auf ökonomische Abhängigkeiten zwischen West- und Osteuropa, sondern auch auf die vergeschlechtlichte und rassifizierte Organisation von Reproduktion, Care-Arbeit sowie auf die Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen. Diese Entwicklungen in den Geschlechter- und Arbeitsverhältnissen lassen sich nur im Zusammenspiel von Wohlfahrtsstaat, Migration, Klasse und transnationalen Care-Regimen angemessen analysieren.
Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Entwicklungen und Themensetzungen möchte das Schwerpunktheft der feministischen studien 2/2027 den transnationalen Austausch innerhalb der Geschlechterforschung stärken, regionale Perspektiven sichtbar machen und vergleichende wie intersektional-transnationale Zugänge fördern. Im Zentrum stehen dabei sowohl gemeinsame Entwicklungslinien als auch Unterschiede zwischen den postsozialistischen bzw. postsowjetischen Kontexten sowie Ostdeutschland. Besonders interessiert uns, welche aktuellen Transformationen sich in diesen Regionen abzeichnen und welche theoretischen Impulse aus ihnen für die Geschlechterforschung insgesamt hervorgehen.
Wir freuen uns nicht nur über wissenschaftliche Analysen, sondern auch über Berichte zu lokalen Entwicklungen und Einblicke in laufende Forschungsprojekte, die sich mit den folgenden sowie darüber hinausgehenden und weiteren Fragen aus feministischer Perspektive befassen:
- Welche Entwicklungen zeichnen sich in Bezug auf Geschlechterverhältnisse, Geschlechterforschung sowie feministische Bewegungen in den einzelnen Regionen in Mittel-, Südost- und Osteuropa und Ostdeutschland aktuell ab?
- Welche Vorannahmen stecken in kultur-historischen Konzepten von ‚Geschlecht‘ und‚ dem Osten‘ und inwiefern werden sie in Wissenschaft, Politik und Medien gleichermaßen als vermeintlich unhinterfragter und natürlich gegebener Zusammenhang diskursiv reproduziert?
- Wie unterscheiden und wo ähneln sich Geschlechtervorstellungen und -praxen in Mittel-, Südost- und Osteuropa und Ostdeutschland?
- Wie steht es um die Geschlechterforschung in Mittel-, Südost- und Osteuropa und Ostdeutschland und was lässt sich aus den dortigen Kämpfen für die Verteidigung von Wissenschaftsfreiheit lernen?
- Welche Formen nehmen feministische Bewegungen in Mittel-, Südost- und Osteuropa und Ostdeutschland an und vor welchen möglicherweise spezifischen Herausforderungen stehen sie? Wo bilden sich Allianzen zu anderen Organisierungen (Arbeiter*innen, Wissenschaftsfreiheit, Demokratie, Migration, queerer Bewegungen) und transnationale Solidaritäten?
- Welche Marginalisierungen und Diskriminierungen, aber auch politische Mobilisierungen werden aus intersektionaler Perspektive in Mittel-, Südost- und Osteuropa und Ostdeutschland sichtbar?
- Welche neuen Konfigurationen von Geschlecht, Arbeit, Care sowie reproduktiver Gerechtigkeit lassen sich in Mittel-, Südost- und Osteuropas sowie in Ostdeutschland beobachten, und wie sind diese im Spannungsfeld von Migration, politischen Systemen und globalen Ungleichheitsverhältnissen theoretisch zu fassen?
Extended Abstracts (1.000-1.500 Wörter) bitten wir einzureichen bis spätestens 30. August 2026 an die folgenden drei Adressen: Julia Gruhlich (Julia.gruhlich@uni-goettingen.de), Stine Eckert (stine.eckert@wayne.edu) und Regine Othmer (manuskripte@feministische-studien.de)
Es können Abstracts für die Rubriken Hauptbeiträge (45.000 Zeichen inkl. Fußnoten und Literatur) und Diskussion (30.000 Zeichen inkl. Fußnoten und Literatur) eingereicht werden, Tagungsberichte und (Sammel-)Rezensionen (10.000 Zeichen) sowie künstlerische Arbeiten für die Rubrik Bilder und Zeichen vorgeschlagen werden.
Die Rückmeldung zu den Abstract-Einreichungen erfolgt Anfang September 2026; die Manuskripte müssen bis 28. Februar 2027 vorliegen. Das Feedback der Hauptbeiträge nach Double Blind Peer Review erfolgt bis Mitte Mai, bei Annahme ist eine Überarbeitung möglich bis 30. Juli 2027.
Publikationsdatum:
13. Juli 2026
Frist:
30. August 2026
Themen:
Disziplinen: