Fanny Schmidt, Dr. Diana Baumgarten, Dr. Susanne Burren dicembre 2025
Hast Du Dich auch schon gefragt, ob Dein Seminarinhalt und die Seminarmaterialien für Studierende mit unterschiedlichen Hintergründen, Lernstilen und Lebensrealitäten anschlussfähig sind?
Im Rahmen des Projekts «Differenzsensible Lehre» ist eine Webseite entstanden, die dabei unterstützt, Reflexionsprozesse zu differenzsensibler Lehre anzustossen und Dir konkrete Ideen und Impulse bietet, um Deine Lehre inklusiver und gerechter zu gestalten.
Realisiert wurde die Webseite als Partnerprojekt der Pädagogischen Hochschule FHNW, des Zentrums Gender Studies der Universität Basel und des Gender Campus.
Grafiken: Helena Appenzeller. Sie stammen von der Webseite www.differenzsensible-lehre.ch
Differenzsensible Lehre: Das Unsichtbare sichtbar machen
Hochschulen präsentieren sich als Orte, in denen Diversität und kritisches Denken gefördert wird. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Trotz dieser Setzung bestehen Barrieren und Diskriminierungen im Hochschulalltag fort oder werden durch diesen sogar hergestellt.
Eine wichtige Zielsetzung des Projekts ‘Differenzsensible Lehre’ und der gleichnamigen Webseite www.differenzsensible-lehre.ch ist es, dafür zu sensibilisieren, mit welchen Diskriminierungssystemen und Ungleichheitsverhältnissen Differenzen einhergehen und wie sich diese an der Hochschule auf unterschiedlichsten Ebenen einschreiben.
Lehre findet eben nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern ist immer eingebettet in eine Hochschulstruktur – in deren Räumlichkeiten, Rechtsgrundlagen und Selbstverständnisse. Die Webseite bietet wertvolle Ressource, um diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen, dadurch das Unsichtbare sichtbar zu machen und so eine inklusive Hochschuldidaktik in die Praxis umzusetzen.
«Eine differenzsensible Lehre – in meinem Verständnis – meint nicht primär eine Sensibilität für die verschiedenen Unterschiede, die es gibt, sondern insbesondere eine Sensibilität für die verschiedenen Ungleichheiten.»
Dozent, Fachhochschule
Was bedeutet ‘differenzsensible Lehre’?
Wie in vielen anderen Situationen verschränken und überschneiden sich in der Lehre an Hochschulen verschiedene Kategorien von Differenz und Diskriminierung. Ein differenzsensibler Ansatz muss daher intersektional sein. Es geht darum, sich überlagernden Ungleichheiten – etwa in Bezug auf Geschlecht, ‘race’, soziale Herkunft, Behinderung, chronische Erkrankung, sexuelle Orientierung oder Alter – in Bezug zueinander zu denken und in den Blick zu nehmen.
Auf der Webseite wird differenzsensible Lehre anhand von vier Dimensionen des Lehr- und Lerngeschehens aufgeschlüsselt, die als konkrete Orientierungspunkte dienen:
- Sprache: Wie schaffen wir durch bewusste Sprachwahl eine inklusive Lernumgebung?
- Wissenskanon und Curriculum: Wer wird im Lehrstoff repräsentiert, wer fehlt? Welche Perspektiven gelten als ‘universell’?
- Institution Hochschule: Wie wirken sich die Rahmenbedingungen der Hochschule (Bestimmungen, Gesetze, Infrastruktur und Räumlichkeiten) auf die Studierenden aus?
- Methodisch-didaktische Gestaltung: Wie können Prüfungsformate, Interaktionsregeln und Feedbackprozesse fair und zugänglich gestaltet werden?
Mit diesen vier Dimensionen versucht die Webseite, Dich in deiner Praxis konkret zu unterstützen.
Audiospuren, Reflexionsfragen und weiterführende Materialien
Auf der Webseite werden die komplexen Herausforderungen differenzsensibler Lehre aufgenommen, um diese bestmöglich in die hochschuldidaktische Praxis zu übersetzen.
Durch die gesamte Webseite begleiten uns Audiospuren mit Ausschnitten aus Gesprächen mit Dozierenden und Studierenden. Sie geben konkrete Beispiele aus ihrem Lehralltag und zeigen damit auf, wo in der Lehre Herausforderungen aber auch Handlungsspielräume bestehen.
Die Webseite versteht sich als kollektive Suchbewegung und als Plattform für kontinuierliche Reflexion. Du findest zudem einführende Texte und Reflexionsfragen, die zum Denken und kritischen Hinterfragen anregen. Ausserdem sind zu jedem Themenfeld reichhaltige Hinweise auf weiterführende Materialien aufgeführt.
Die Webseite ist so konzipiert, dass sie hochschulübergreifend und für verschiedene Fachkulturen relevant ist. Du kannst die Seite nutzen für:
- Selbststudium: Inspiration und Unterstützung für die eigene Lehrentwicklung.
- Reflexionsarbeit: Auf allen Unterseiten finden sich konkrete Reflexionsfragen, die für sich selbst, in Lehrteams oder in hochschuldidaktischen Weiterbildungen genutzt werden können, um die Diskussion anzuregen.
- Praxisimpulse: Direkte Anwendung didaktischer Ansätze in Seminaren und Vorlesungen. Diese findest du in erster Linie im Bereich Praxis_Stimmen.
Sprache – «Sprache schafft Wirklichkeit»
Sprache ist weit mehr als nur ein Mittel zur Kommunikation; sie formt unsere Wahrnehmung und beeinflusst unsere gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität und Wertehaltungen. Da Sprache nicht als neutrale Abbildung der Wirklichkeit verstanden werden kann, ist die explizite Auseinandersetzung mit ihrem realitätsgestaltenden Einfluss in der Hochschullehre relevant.
Wenn Sprache unsere gesellschaftlichen Vorstellungen mit hervorbringt, können wir diese auch umgekehrt durch Sprache mitgestalten. Sprache, im weiteren Sinne auch Bilder, sind Werkzeuge, um gesellschaftliche Entwicklungen aktiv zu verändern. Differenzsensibel zu sprechen, ist somit ein fortlaufender Lernprozess und die Sprache kann je nach Adressat*in unterschiedlich aussehen.
«Ich bin schon auch der Überzeugung, dass Sprache auf eine Art Wirklichkeit schafft und dass man mit Sprache sehr viel bewirken kann.»
Studentin, Universität
Wissenskanon und Curriculum – wessen Wissen zählt?
Wissenschaft wird oft als objektiv und unparteiisch dargestellt. Doch diese vermeintliche Objektivität ist eng verknüpft mit Machtstrukturen und gesellschaftlichen Normen.
So entwickelt sich über längere Zeiträume hinweg, welche Werke in einer Disziplin als ‘kanonisch’ gelten. Ein differenzsensibler Blick muss erkennen, dass die aktuell dominanten Methoden und theoretischen Paradigmen, insbesondere in den Sozialwissenschaften, oft auf Westeuropa und Nordamerika fokussiert sind (‘Eurozentrismus’). Dies führt dazu, dass bestimmte Perspektiven und Wissensformen systematisch marginalisiert werden.
Ein kritischer Umgang mit dem Wissenskanon zielt darauf ab, solchen hierarchischen Strukturen auf die Spur zu kommen, sie aufzubrechen und die Vielfalt der Stimmen, Forschungsansätze und theoretischen Traditionen bewusst in das Curriculum zu integrieren. Nur so lässt sich vermeintlich ‘neutrales’ Wissen machtkritisch analysieren.
Zudem können auch Studierende ihre unterschiedlichen Erfahrungshintergründe gewinnbringend ins Lehrgeschehen einbringen, wodurch die Wissenshierarchie zwischen Lehrenden und Lernenden hinterfragt und erweitert wird.
«Inwiefern produziere ich mit den Praktiken in der Lehre eigentlich genau diese Machtverhältnisse, inwiefern reproduziere ich sie? Wen lasse ich zu Wort kommen? Wer findet sich eventuell auf Abbildungen wieder?»
Dozentin, Pädagogische Hochschule
Institution Hochschule – strukturelle Verankerung differenzsensibler Lehre
Lehre findet nicht im Vakuum statt, sondern ist eingebettet in die Institution Hochschule. Diese Dimension betrachtet deren strukturelle Rahmenbedingungen kritisch: Die Gestaltung von Gebäuden, die Rechtsgrundlagen, die Curriculumsplanung und die vorherrschenden Selbstverständnisse.
Differenzsensibilität bedeutet, institutionelle Mechanismen zu erkennen, die Barrieren, Ausschlüsse und Diskriminierungen (re)produzieren. Ziel ist es, die Hochschulstruktur so zu gestalten, dass sie inklusiv, zugänglich und chancengerecht für alle Beteiligten werden kann.
«Sehr häufig bleibt vieles einfach an der Lehrperson hängen, was kontraproduktiv in mehrfacher Hinsicht ist. Es verkennt die Situation, dass es eine strukturelle Thematik ist und es reduziert auch die Motivation vieler sehr engagierter Lehrpersonen mehr zu machen, wenn sie alles alleine machen müssen.»
Dozent, Fachhochschule
Methodisch-didaktische Gestaltung – Verwobenheit von Lehren und Lernen
Lehren und Lernen sind komplexe Handlungssituationen, die von sozialen Interaktionen geprägt sind. Eine differenzsensible didaktische Lehrgestaltung wirft bspw. die folgenden Fragen auf: Wie können Prüfungsformate fair und zugänglich umgesetzt werden (z.B. Multiple-Choice vs. Portfolio)? Wie fördern wir partizipative Prozesse und eine konstruktive Atmosphäre im Seminar? Wie unterstützen wir die Studierenden darin, sich mit eigenen Beiträgen in den gemeinsamen Lernraum einzubringen?
Das Ziel ist, dass die Studierenden langfristig in der Lage sind, selbstständig und kritisch zu denken und sich neues Wissen anzueignen.
«Was ich für didaktische Methoden anwende, ist immer auch davon abhängig davon, wer im Publikum sitzt und was dort für Bedürfnisse sind.»
Dozent, Fachhochschule
Differenzsensible Lehre als fortlaufender Prozess
Die Auseinandersetzung mit differenzsensibler Lehre ist keine Aufgabe, die jemals abgeschlossen ist – sie ist eine kontinuierliche Haltung und ein fortlaufender Prozess. Die Webseite bietet einen Startpunkt und einen fundierten Raum für Reflexion, um Hochschulen aktiv differenzsensibel und diskriminierungskritisch zu gestalten.
Wir laden Dich herzlich ein, die Webseite zu besuchen und die vielfältigen Ressourcen für Deine Praxis zu nutzen.
Herzlicher Dank für die gemeinsame Arbeit geht an Sascha Willenbacher und Stephanie Gyger von der PH FHNW, Damien Michelet und Anna Sommer vom Gender Campus sowie an Ewa-Maria Bender für das Schlusslektorat.
Die Webseite wurde im Rahmen des P-7-Programms Diversität, Inklusion und Chancengerechtigkeit in der Hochschulentwicklung (2021–2024) umgesetzt und in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat und weiteren Beteiligten entwickelt. Siehe Projektteam.
Eine reichhaltige Sammlung von Links wie Literatur zum Thema, rechtliche Grundlagen, Sprachglossare sowie didaktische und methodische Materialien findet sich hier.
Date di pubblicazione:
11 dicembre 2025
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