Meine Oma, meine Mutter und ich – das Kontinuum der sexualisierten Gewalt
Hildebrand Florance marzo 2026
Das Forschungsprojekt TRACES untersuchte erstmals in Südtirol, wie sexualisierte Gewalt über drei Generationen hinweg weiterwirkt. Die Abschlusstagung in Meran zeigte: Trotz rechtlicher Fortschritte und besserer Unterstützungsangebote bleiben patriarchale Strukturen und die «stille Kompliz*innenschaft» der Gesellschaft bestehen. Der Tagungsbericht verbindet wissenschaftliche Analyse mit persönlicher Betroffenheit und fragt: Wie kann das Kontinuum der Gewalt unterbrochen werden?
Einleitung
Wie der Titel schon verrät, geht es in diesem Bericht um ein möglicherweise aufwühlendes und schmerzhaftes Thema. «Meine Oma, meine Mutter und ich» ist zugleich der Name der Wanderausstellung, die aus dem Forschungsprojekt TRACES hervorgegangen ist und die transgenerationale Weitergabe von sexualisierter Gewalt sichtbar macht. Ich hatte während der Abschlusstagung mehrmals Tränen in den Augen, einen Kloss im Hals und Druckgefühle in der Brust. Achte bitte beim Lesen auf dich und deine Befindlichkeit. Was mir geholfen hat, waren die beruhigenden Übungen, welche durch den Tag hindurch verteilt angeleitet wurden – ich kann die Klopfübung sehr empfehlen.
TRACES steht für TRAnsgenerational ConsEquences of Sexual Violence. Die Universität Trient, das Forum Prävention, das Frauenmuseum Meran und die NGO medica mondiale haben im Rahmen einer feministisch-partizipativen Aktionsforschung zusammengearbeitet, um sexualisierte Gewalt zu bekämpfen. Das Projekt untersuchte von 2023 bis 2025 erstmals in Südtirol, wie Erfahrungen sexualisierter Gewalt über Generationen hinweg weiterwirken und welche Rolle Schweigen, gesellschaftliche Tabus und strukturelle Bedingungen dabei spielen. Im Gegensatz zu symptomzentrierten Ansätzen verknüpft TRACES individuelle Traumafolgen mit sozialen und politischen Dynamiken und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären Trauma- und Geschlechterforschung. Das Projekt besteht aus drei Elementen: der wissenschaftlichen Aktionsforschung, der Wanderausstellung und einem Präventions-konzept mit politischen Empfehlungen.
Die Grussworte zur Abschlusstagung sprachen Vertreterinnen der Südtiroler Landesregierung und der Stiftung Sparkasse, welche das Projekt finanziell unterstützt haben. Sozial- und Familienlandesrätin Rosmarie Pamer bedankte sich für die konkreten Handlungsempfehlungen und versprach, sich für deren Umsetzung einzusetzen.
Der Stress- und Traumasensible Ansatz (STA)
Den inhaltlichen Teil eröffnete Karin Griese von medica mondiale mit einer Einführung in den Stress- und Traumasensiblen Ansatz (STA). Ich möchte selbst als Aktivistin und als Awareness-Mitarbeiterin eine traumasensible Haltung entwickeln, weshalb ich am Nachmittag auch ihren Vertiefungsworkshop besuchte. Der STA kann in unterschiedlichen Bereichen wie dem Gesundheitswesen, der sozialen Arbeit, im eigenen Umfeld oder – wie bei TRACES – in der Forschung angewandt werden, um Überlebende von Gewalt zu stärken. Alle Interviewerinnen der Studie haben eine entsprechende Weiterbildung absolviert. Den Kern bilden vier Prinzipien: Sicherheit herstellen, Selbstwirksamkeit stärken, Verbindung ermöglichen und Selbstfürsorge von Helfenden fördern. Zugrunde liegt ein soziopolitisches Traumaverständnis: Wir sollten die Ursachen und Folgen von Trauma nicht individualisieren, sondern kontextualisieren. Wer mehr wissen möchte: Die Medica Mondiale Foundation Switzerland organisiert regelmässig Weiterbildungen in Stress- und Traumasensibilität.
Vorstellung des Projekts TRACES
Prof. Barbara Poggio und Dr. Andrea Fleckinger stellten danach die Studienergebnisse vor. Als Aktionsforschung wollte TRACES nicht nur transgenerationale Folgen von sexualisierter Gewalt in Südtirol untersuchen, sondern auch dazu beitragen, das Schweigen zu überwinden und damit das Kontinuum zu unterbrechen.
Ein wichtiges Konzept ist die stille Kompliz*innenschaft: Das Ausbleiben einer Stellungnahme von Personen, Institutionen und Gemeinschaften legitimiert durch Schweigen die Gewalt der Täter und trägt dazu bei, dass sich die Folgen in die nächste Generation fortsetzen. Untersucht wurde diese Kompliz*innenschaft anhand des rechtlichen Kontexts, der Fachkräfte, der Rolle der katholischen Kirche und der Dorfgemeinschaft. Sexualisierte Gewalt wird so nicht nur als individuelle Verletzung, sondern als strukturelle Gewalt durch die patriarchale Gesellschaftsordnung verstanden.
Teilgenommen haben 31 Frauen zwischen 21 und 90 Jahren aus dem Vinschgau, die entweder selbst oder deren (Gross-)mütter sexualisierte Gewalt erlebt haben. Ergänzend fanden Erinnerungsrunden in Seniorenwohnheimen sowie Expertinneninterviews statt. Die Teilnehmerinnen wurden in drei Generationen eingeteilt: Helga (geboren 1919–1949), Erika (geboren 1950–1980) und Hannah (geboren 1981–2007).
Generation Helga (1919–1949)
Die Generation Helga war stark vom Kriegs- und Nachkriegskontext geprägt, hatte einen niedrigen Bildungsstand und war ökonomisch abhängig. Gemäss dem damaligen Recht war der Ehemann Vormund der Frau und sie musste ihm sexuell zur Verfügung stehen. Professionelle Unterstützungsangebote für Betroffene von sexualisierter Gewalt gab es nicht – Hebammen spielten oft eine wichtige Rolle. Die katholische Kirche hatte grossen Einfluss und propagierte, dass Sexualität eine Sünde sei. Die Dorfgemeinschaft sah sexualisierte Gewalt als Kavaliersdelikt. Betroffene wurden verantwortlich gemacht, Täter blieben angesehene Personen. Die Langzeitfolgen waren gravierend: psychische Erkrankungen bei 50 Prozent, Suizidgedanken bei 50 Prozent und chronische Erkrankungen bei 67 Prozent. Die häufigsten Bewältigungsstrategien waren Verdrängen und Zuflucht im Glauben.
Generation Erika (1950–1980)
Die Generation Erika profitierte von Wirtschaftsaufschwung und besseren Bildungschancen. Rechtlich änderte sich einiges: 1970 wurde die Scheidung legalisiert, 1975 verlor der Mann seinen Status als Familienoberhaupt (in der Schweiz erst 1988). Im Zuge der zweiten feministischen Welle entstanden erste Beratungsstellen und Frauenhäuser. Die katholische Kirche prägte weiterhin stark die Wertvorstellungen, doch Sexualität galt immer weniger als Sünde. Dennoch blieb das gesellschaftliche Schweigen bestehen: Die Dorfgemeinschaft schaute weiterhin weg. Die Langzeitfolgen waren sogar noch gravierender als bei der Vorgängergeneration: 75 Prozent psychische Erkrankungen, 75 Prozent Suizidgedanken. Die Bewältigungsstrategien erweiterten sich: Neben Verdrängen und Schweigen zeigten sich nun auch Wehrhaftigkeit und die Nutzung von Fachdiensten. Die Hinwendung zum Glauben verlor an Bedeutung.
Generation Hannah (1981–2007)
Meine Generation Hannah hatte gute Bildungschancen und war ökonomisch unabhängiger. Die Vergewaltigung in der Ehe wurde 1996 als Verbrechen anerkannt. Die Unterstützungsangebote sind professioneller und zugänglicher. Gleichzeitig verliert die katholische Kirche zunehmend ihren Einfluss. Trotz dieser Fortschritte bleibt die Mittäterschaft der Dorfgemeinschaft bestehen. Mit der Digitalisierung entstehen zudem neue Gewaltformen wie Cybergrooming. Die Langzeitfolgen sind weiterhin massiv: 89% psychische Erkrankungen, 67% Suizidgedanken, dazu Suchtkrankheiten (22%) und Essstörungen (45%). Ein zentraler Unterschied: Die Mehrheit spricht mittlerweile über die Gewalt und nutzt Fachdienste, während Schweigen und Verdrängen an Bedeutung verlieren.
Sexualisierte Gewalt im politischen und gesellschaftlichen Kontext
Die Ergebnisse zeigen positive Veränderungen: ein neues Verständnis von Weiblichkeit, die Entwicklung einer Sprache für Gewalt und Trauma, Räume weiblicher Solidarität, rechtliche Reformen und die Professionalisierung von Unterstützungsstrukturen. Gleichzeitig gibt es Kontinuitäten: Patriarchale Machtverhältnisse bestehen fort, Täter werden geschützt, und sexualisierte Gewalt als Bestandteil von Männlichkeit normalisiert. Über alle Generationen hinweg leben Betroffene mit Scham, Schuld und Angst, was ihre Beziehungen belastet.
Die Analyse der drei Generationen macht deutlich: Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Dr. Monika Hauser von medica mondiale ordnete die Ergebnisse im Kontext der Istanbul-Konvention ein und betonte, dass sexualisierte Gewalt ein Symptom patriarchaler Machtstrukturen ist. Gesellschaftliche Verantwortung bedeute, diese Strukturen sichtbar zu machen und aktiv zu bekämpfen – nicht nur durch Strafverfolgung, sondern durch Prävention, Bildung und politische Massnahmen. Christa Ladurner und Ingrid Kapeller vom Forum Prävention stellten das Präventionskonzept [https://www.forum-p.it/smartedit/documents/_mediacenter/praventionskonzept_final_deutsch.pdf] vor und kritisierten oberflächliche Ansätze: Flyer allein verändern keine Strukturen. Wirksame Prävention müsse in Schulen, Vereinen und Institutionen verankert sein und Machtverhältnisse thematisieren. Den Abschluss bildete Eröffnung der Wanderausstellung durch Sigrid Prader. Sie macht anhand einer fiktiven Familiengeschichte deutlich, wie familiäre Dynamiken und patriarchale Strukturen Gewalt fortbestehen lassen, und fördert Sensibilisierung und Enttabuisierung.
Ausblick
Das Projekt ist interdisziplinär und wurde in einer sektorenübergreifenden Zusammenarbeit realisiert. Wir haben an der Tagung gespürt, dass die Projektpartnerinnen durch Solidarität verbunden sind und gemeinsam gekämpft haben, um dieses Projekt umsetzen zu können und die Finanzierung zu finden, die zu 80 Prozent staatlich war. Ich wünschte, meine Kantonsregierung würde solch ein Projekt im Thurgau unterstützen. Ich würde mich auf jeden Fall sehr gerne als Forscherin an einer Replikation beteiligen. TRACES hat mit seinem Fokus auf den Vinschgau wichtige Pionierarbeit geleistet und einen methodischen Rahmen geschaffen, der auf andere Kontexte übertragen werden kann. Bei einer Replikation in der Schweiz würde ich diesen Rahmen gerne intersektional erweitern, um zu untersuchen, wie sich verschiedene Unterdrückungsachsen – etwa Rassismus oder Heteronormativität – mit sexualisierter Gewalt überkreuzen. TRACES öffnet eine Tür – zukünftige Forschung kann hindurchgehen und den Blick weiten.
Als ich den Titel dieses Berichts wählte, war mir bewusst, dass ich mich damit selbst in das Kontinuum einschreibe. Die Studie hat mir geholfen, die Erfahrungen in meiner eigenen Familie in einen grösseren Kontext zu stellen: nicht als individuelles Schicksal, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Musters, das benannt und bekämpft werden kann. Das Wissen, dass ich nicht allein bin, ist gleichzeitig erschütternd und ermutigend. Das Kontinuum der sexualisierten Gewalt kann unterbrochen werden – aber nur, wenn wir alle unsere stille Kompliz*innenschaft aufgeben und anfangen, hinzuschauen, zuzuhören und zu handeln.
Date di pubblicazione:
03 marzo 2026
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