Analyse Débat

#3 Gender-Medizin: Ein Interview mit David Garcia Nuñez

Sophie Güttinger, Dr. David Garcia Nuñez mars 2026

Dieser Blogbeitrag ist der dritte der Reihe zum Thema „Gender, Gesundheit und Medizin“. Der Artikel basiert auf einem Interview mit David Garcia Nuñez, dem Leiter des Innovations-Focus Geschlechtervarianz des Universitätsspital Basel. Dabei geht es in erster Linie um seine Erfahrungen und Perspektiven zu diesem Thema im Rahmen seiner Arbeit.

Titelbild des Innovations-Focus Geschlechtervarianz des Universitätsspitals Basel, das bunte Wolken zeigt

Titelbild des Innovations-Focus Geschlechtervarianz des Universitätsspitals Basel

Der Innovations-Focus Geschlechtervarianz des Universitätsspitals Basel 

Der Innovations-Focus Geschlechtervarianz des Universitätsspitals Basel ist schweizweit eine einmalige Institution, die Menschen in ihrer Transition interdisziplinär und multiprofessionell begleitet. Neben einer guten medizinischen Behandlung ist es dem Innovations-Focus wichtig, eine möglichst hürdenfreie Anlaufstelle für Personen mit Geschlechtsinkongruenz zu sein. Diese Funktion möchte ebenfalls spitalintern sichtbar gemacht werden. Für Patient*innen soll ein sicherer Hafen innerhalb eines Universitätsspitals geboten werden, das als staatliche Institution auch Staatsmacht repräsentiert.

Geschlecht als biopsychosoziales Modell

David Garcia Nuñez ist Psychiater, Psychotherapeut und Leiter dieses medizinischen Zentrums. Er arbeitet neben den medizinischen Behandlungen auch im klinischen Managementbereich, in der Forschung und in der Lehre. Im Interview beschreibt David Garcia Nuñez, dass Geschlecht im Innovations-Focus am Universitätsspital Basel als biopsychosoziales Modell verstanden wird. Das bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass Menschen weder nur Körper noch nur Psyche sind. Zusätzlich leben alle Menschen in einem sozialen Kontext, der Geschlecht prägt, und müssen sich dementsprechend auch (re-)präsentieren, um darin ihren Platz finden zu können. In diesem Modell geht es weiter darum, dass Geschlecht nicht etwas Starres ist. Innerhalb dieses Vierecks von Körper, Psyche, sozialer Darstellung und gesellschaftlichen Strukturen (sowie deren Wechselwirkungen) gestaltet sich Geschlecht fluid und kann sich situativ ändern.

Menschen, welche eine Geschlechtsinkongruenz erleben, sind somit Menschen, die in ihrem Geschlecht in einer oder mehreren dessen Dimensionen Spannungszustände in einem Ausmass spüren, dass ihre Lebensqualität permanent darunter leidet. Diese Definition ist laut David Garcia Nuñez bewusst so breit gewählt, da die Lebensgeschichten dieser Menschen höchst individuell sind und es ist sehr wichtig, dass sie auch in ihrer Diversität respektiert werden. 

Der Innovations-Focus bietet als medizinische Institution die Möglichkeit, die körperliche Dimension von Geschlecht so zu verändern, dass die Geschlechtsinkongruenz im besten Fall abnimmt und sich die Personen wohler in ihrem Geschlecht fühlen. Um der Multidimensionalität der körperlichen Dimension von Geschlecht gerecht zu werden, sind am Zentrum neben der Reproduktionsmedizin auch die Fachbereiche der Dermatologie, der Phoniatrie, der Endokrinologie, der plastischen Chirurgie, der Urologie, der Gynäkologie, der Gesichtschirurgie, der Psychiatrie und Psychologie sowie der Pflegewissenschaften vertreten. Durch diese Interdisziplinarität und Multiprofessionalität stellt der Innovations-Focus sicher, dass Patient*innen, wenn sie das so wünschen, alle Transitionsinterventionen unter demselben medizinischen Dach beziehen können. 

Aber auch die psychische Dimension ist höchst individuell. Dabei ist es David Garcia Nuñez wichtig zu betonen:

«Geschlechtsidentitäten per se sind ein universell menschliches Phänomen und kein psychiatrisches Problem.»

Zwar ist es so, dass viele der Personen, die zum Innovations-Focus Geschlechtervarianz kommen, psychische Begleiterscheinungen vorweisen, weshalb sie psychologische oder psychiatrische Behandlungen in Anspruch nehmen. Das ist aber bei Weitem nicht bei jeder Person mit Geschlechtsinkongruenz der Fall. Psychotherapeutische Interventionen basieren immer auf der Diagnose eines mentalen Gesundheitsproblems und finden nicht infolge des Vorliegens einer nicht-normativen «Geschlechtsidentität» statt. Diese Behandlungen sind immer freiwillig.

Historische Bedeutung des Innovations-Focus Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel

Die Bedeutung der möglichst hürdenlosen Anlaufstelle und der Freiwilligkeit der Behandlungen demonstriert David Garcia Nuñez durch die Betrachtung des historischen Kontexts. So konnte bis 2011 der juristische Personenstand in der Schweiz nur durch eine sogenannte ‘vollständige’ Transition geändert werden (Hohmann und Recher 2011). Das bedeutete, dass Menschen ihr amtliches Geschlecht nur dann ändern konnten, wenn sie zuvor ihre Genitalien chirurgisch entfernt hatten, was in vielen Fällen einer Zwangssterilisation entsprach. Psychiater*innen waren ein Teil dieses Zwangssystems, in dem sie trans Personen psychopathologisieren, den ganzen Prozess kontrollieren und eine Transition als beendet erklären mussten. Schlussendlich wurde von einer Richterin oder einem Richter entschieden, ob die Transition ‘vollständig’ genug war, um den Personenstand zu ändern. 

Ab 2011 wurde der Prozess der Änderung des Personenstands vereinfacht und seit 2022 gilt das Prinzip der Selbstbestimmung. So können nun alle Personen, welche innerlich fest davon überzeugt sind, nicht dem im Personenstandsregister eingetragenen Geschlecht zuzugehören, ihr amtliches Geschlecht ändern lassen. Dies kann bei jedem Zivilstandsamt in der Schweiz ohne Einmischung der Psychiatrie gemacht werden. David Garcia Nuñez hat sich immer für diesen Systemwechsel eingesetzt, da er die Überprüfung und Kategorisierung von Geschlechtsidentitäten nie als psychiatrische Aufgabe gesehen hat.

Durch diese Änderungen ist die amtliche Transition des Geschlechts auch finanziell einfacher zugänglich geworden. Zuvor hatten auch die finanziellen Hürden erhebliche Konsequenzen. Denn das amtliche Geschlecht vor Gericht zu ändern konnte bis zu mehreren Tausend Franken kosten. David Garcia Nuñez meint: 

«Leute, die keine Mittel hatten, die waren dazu verdonnert, ein Doppelleben zu leben.»

Mittellose trans feminine Personen konnten so zwar zum Beispiel sozial eine weibliche Rolle performen, Hormone nehmen, eine Genitaloperation durchgeführt haben, aber aufgrund fehlender Mittel in amtlichen Dokumenten immer noch mit falschem amtlichem Geschlecht vermerkt sein. 

Der historische Kontext zeigt deshalb eindrücklich auf, dass Institutionen wie der Innovations-Focus Geschlechtervarianz zentral für Menschen mit Geschlechtsinkongruenz sind. 

Beitrag zur Gender-Medizin

Neben den genannten Funktionen leistet der Innovations-Focus Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel auch erhebliche Beiträge zur Gender-Medizin. Dabei tritt das Zentrum für ein biopsychosoziales und entbinarisiertes Geschlechtermodell ein. David Garcia Nuñez erklärt die Bedeutung dieser Entbinarisierung folgendermassen: Ein dekonstruiertes Geschlechterverhältnis erlaubt es, Symptome verschiedener Krankheiten auf einem Kontinuum zu verstehen. So werden Symptome nicht gegendert und Geschlechtsidentitäten spielen bei der Diagnose eine untergeordnete Rolle. Als Beispiel für dieses Konzept nennt David Garcia Nuñez die problematischen gegenderten Definitionen von Depression und den Herzinfarkt, wie sie in manchen gendermedizinischen Publikationen postuliert werden. Hierbei wird beispielsweise eine ‘weibliche’ Depression durch ihre melancholischen Symptome charakterisiert. Betroffene werden als introvertiert, niedergeschlagen und nachdenklich und damit als stereotypisch ‘weiblich’ beschrieben. Die Symptome einer ‘männlichen’ Depression hingegen äussern sich in Extraversion, Impulsivität und Alkohol- und Gewaltproblemen. Diese Erweiterung des Depressionsverständnisses ist zwar sehr wichtig und gut, aber bringt auch Gefahren mit sich. David Garcia Nuñez beschreibt das wie folgt: 

«So gut ich die Erweiterung des Depressionsverständnisses finde, frage ich mich, wieso müssen diese Unterarten der Depression sofort wieder blau und rosa angemalt werden? Weshalb müssen wir von ‘weiblicher’ und ‘männlicher’ und können nicht von einer internalisierenden und einer externalisierenden Depression reden? Was machen Männer, die eine ‘weibliche’ Depression haben? Leiden diese automatisch unter einer Geschlechtsproblematik?»

Und die gleichen Argumente sind für ihn entscheidend bei den Symptomen von Herzinfarkten:

«Und natürlich kann man jetzt sagen, diese Art von Herzinfarkt tritt am meisten bei Personen mit einem weiblichen Körper auf und diese am meisten bei solchen mit männlichem Körper. Aber wenn wir schon die Option haben, Geschlecht besser als je zuvor zu verstehen, dann verwenden wir doch diese Möglichkeit, um nicht stupid veraltete Geschlechtervorstellungen zu reproduzieren. Ja, ich bin ein Verfechter, dass man das Ein-Geschlechter-Modell (…) verlässt, aber nicht Richtung einem binären, sondern für ein dekonstruiertes Geschlechterverhältnis.»

Um diese Entbinarisierung zu erreichen, arbeitet der Innovations-Focus mit anderen Disziplinen wie den Sozialwissenschaften oder den Gender Studies zusammen. So wird eine grössere Interdisziplinarität erreicht, welche der Multidimensionalität von Geschlecht besser gerecht wird. Auch durch die Lehre an der Universität Basel und der Universität Zürich klärt David Garcia Nuñez Studierende über die Komplexität von Geschlecht auf. Zusätzlich leitet er ein- bis zweimal im Monat externe Weiterbildungen in psychiatrischen Kliniken oder bei öffentlichen Veranstaltungen, um die wichtigsten Befunde seiner Arbeit einem grösseren Publikum zu präsentieren. Gerade bei öffentlichen Veranstaltungen entstehen dabei manchmal sehr interessante und kontroverse Auseinandersetzungen und Diskussionen. In den (sozialen) Medien erlebt David Garcia Nuñez gelegentlich auch antigenderistische Kommentare und Anfeindungen. So wurde er zum Beispiel auch vom Nebelspalter auf Grund seiner Arbeit und Einstellungen als «Löli des Jahres» gekürt (Somm und Lothe 2026). 

Da David Garcia Nuñez strukturelle Fragen der geschlechtsbasierten Diskriminierung nicht aus seiner Praxis heraus verändern kann, engagiert er sich auch persönlich in der Politik. Er ist Parlamentarier im Gemeinderat der Stadt Zürich und neu im Zürcher Kantonsrat für die Alternative Liste. Dort setzt er sich für die Anliegen der trans Bevölkerung ein und initiierte beispielsweise 2017 den «Aktionsplan Trans», welcher ermöglichte, dass die trans Community direkt mit der Stadtverwaltung in Zürich über die eigenen Anliegen diskutieren und community-basierte Lösungen vorschlagen und umsetzen konnte. 

Literaturverzeichnis

Date de publication:

31 mars 2026

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