Die hässliche Seite der Reproduktion. Emotionen und Affekte in gegenwärtigen Reproduktionsverhältnissen

Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „Zukünfte der Gesellschaft“ vom 28.09.-02.10.2026 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Emotionen und Affekte prägen das Erleben von Reproduktion und Care – sei es die Überraschung über das Ergebnis eines Schwangerschaftstests, die Scham über einen sichtbaren Menstruationsblutfleck oder die Angst um pflegebedürftige Angehörige. Die kritische Auseinandersetzung mit Gefühlen hat dabei in der Analyse von Reproduktions- bzw. Generativitätsverhältnissen (Kontos 2018) eine lange Tradition – etwa als Kritik an der Zuschreibung von Emotionalität an „das Weibliche“ (Bock & Duden 1977). Für soziale Bewegungen hingegen waren und sind Gefühle wie beispielsweise Scham oder Wut – etwa im Kontext geschlechtsbasierter Erfahrungen der Ungleichheit und Unterdrückung – auch ein zentrales Moment der Vergemeinschaftung. In Anlehnung an solche Traditionen können gerade vermeintlich negative Gefühle als zutiefst verwoben mit Macht, Herrschaft und der Erfahrung von Vulnerabilität erachtet werden.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen erodierender Care-Verhältnisse, strukturelle Missstände und Gewalt in der Geburtshilfe oder Phänomene wie Regretting Motherhood (Donath 2016) haben mittlerweile zwar eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Doch sind diese hässlichen Seiten der Reproduktion und insbesondere ihre affektiven Dimensionen in der Soziologie unterforscht. Trotz vielfach konstatierter affective und emotional turns in den Gesellschaftswissenschaften werden in der deutschsprachigen Soziologie gerade die „hässlichen Gefühle“ (Ngai 2007) wie Scham, Ekel, Neid oder Angst, aber auch Aggressionsaffekte wie Wut oder Hass bislang vernachlässigt. Dabei lassen sich hier soziologische Grundfragen nach dem Verhältnis von Individuum und Kollektiv, nach Macht und Herrschaft oder auch nach Vorstellungen von Zeitlichkeit näher analysieren.

In der Ad-hoc-Gruppe möchten wir uns kritisch mit Gefühlen, Emotionen und Affekten auseinandersetzen, die dem Ideal affirmativer, liebevoller oder generativer Reproduktionspraktiken entgegenlaufen. Dies öffnet den Blick für die Relevanz nicht-erwünschter Gefühle in den gegenwärtigen Reproduktionsverhältnissen und für Praktiken der Nicht-Reproduktion innerhalb normativer Kräfte von „Politiken der Reproduktion“ (Fröhlich et al. 2022).

Wir laden zu theoretisch-konzeptionellen und empirischen Beiträgen im Themenfeld ein, die folgende Fragen adressieren können, aber nicht auf diese beschränkt sind:

  • Welches analytische und epistemologische Potenzial beinhalten hässliche Gefühle? Welche methodisch-methodologischen Herausforderungen stellen sich in der soziologischen Erforschung?
  • Wie kann eine Soziologie der hässlichen Gefühle gegenwärtige Debatten um Reproduktionsverhältnisse bereichern und produktiv verkomplizieren?
  • Inwiefern unterlaufen oder reproduzieren hässliche Gefühle dominante Gesellschafts- und Geschlechterordnungen der Gegenwart?

Geplant sind 15-minütige Impuls-Vorträge und eine gemeinsame Diskussion mit dem Ziel, sich aktuelle Fragestellungen, Erkenntnisse und Desiderate zur Rolle hässlicher oder unerwünschter Gefühle in gegenwärtigen Reproduktionsverhältnissen zu erschließen.

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 30.04.2026 an: post sophie-bauer de, lilian.huemmler soz.uni-frankfurt de und m.reich em.uni-frankfurt de

Date de publication:

14 avril 2026

Délai:

30 avril 2026

Thèmes:

Disciplines: