Dis_abling Politics: Die anwesende Abwesenheit von Behinderung in der Politik(wissenschaft)
Bislang sind Auseinandersetzungen mit Behinderung in der deutschsprachigen Politikwissenschaft rar: Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen werden wenig in politikwissenschaftlichen Analysen und Theoretisierungen berücksichtigt. Ebenso verhält es sich mit der kritischen Auseinandersetzung mit Konstruktionen vermeintlicher körperlicher oder intellektueller ‚Normalität‘. Ableismus und Saneismus als gesellschaftliche Ordnungsmuster, die Rolle von Behinderung als Differenz- und Identitätskategorie und die damit einhergehenden historischen und gegenwärtigen politischen Kämpfe werden selten systematisch betrachtet. Abwesend ist Behinderung auch als Name für etwas, das sich den Konzeptionen von politischem Handeln und von Institutionen in der (feministischen) Politikwissenschaft entziehen kann. Dennoch ist Behinderung in der beschriebenen Abwesenheit anwesend, nämlich als Verandertes, Verdrängtes, Verworfenes, Bedrohliches in der bestehenden herrschaftlichen politischen Ordnung und ihrer Analyse.
Davon ausgehend möchten wir mit dem geplanten Schwerpunkt den Dialog zwischen feministischer Politikwissenschaft und Disability Studies, inklusive der verknüpften (Sub-)Felder wie Mad Studies, Deaf Studies, Blind Studies oder Queer Crip Theory, vorantreiben. Behinderung soll in dem Heft nicht als private Angelegenheit individueller Körper gefasst werden, sondern als politisch hervorgebracht. Folgende Themenfeldernwollen wir mit dem Heft adressieren:
Konzeptarbeit:
Wir laden Beiträge ein, die zentrale Konzepte der Politikwissenschaft und der Disability Studies durch einen kritischen Dialog schärfen. Dazu gehören auch forschungsethische, methodologische und epistemologische Reflexionen.
- Was ist oder als was erscheint Behinderung in der Politikwissenschaft?
- Was gewinnen wir, wenn wir politikwissenschaftliche Konzeptionen hinsichtlich ihrer Fähigkeit befragen, Menschen mit Behinderung gerecht zu werden? Wie verändern sich Konzepte von Citizenship, Gerechtigkeit, Teilhabe, Demokratie u. a., wenn Behinderung und Neurodivergenz als Ausdruck menschlicher Vielfalt ernst genommen statt entpolitisiert werden?
- Wie können durch die Verbindung von Disability Studies und feministischen, queeren, trans*, post- und dekolonialen sowie kapitalismuskritischen Ansätzen politikwissenschaftliche Konzeptualisierungen von Intersektionalität geschärft werden?
Politische Theorie und Ideengeschichte:
Wir laden zu Beiträgen ein, die sich mit den (naturalisierten) Fähigkeitserwartungen bzw. unreflektierten ability- oder capacity-zentrierten Setzungen in der politischen Theorie und Ideengeschichte auseinandersetzen.
- Wie formen Fähigkeitserwartungen den Kanon der politischen Theorie und Ideengeschichte?
- Wie sind Konstruktionen von ‚Fähigkeiten‘ verwoben mit der ‚Kolonialität der Macht‘?
- Wo ist Behinderung in Idealvorstellungen von z.B. politischer Subjektivität, politischer Agency, Fähigkeit zur Diskursteilhabe, Selbstbestimmung, oder Demokratiefähigkeit anwesend_abwesend – als Verdrängtes, die Ordnung Störendes oder auch als explizites Exklusionskriterium?
Regierung von/durch Behinderung:
Ebenso interessieren wir uns für Beiträge, die sich mit dem Staat als zentralem Akteur in der Norm(alis)ierung von Körpern und mit rechtlichen und staatlichen Regulierungen von Behinderung auseinandersetzen.
- Wie sind staatliche Familien-, Sexualitäts- und Bevölkerungspolitiken von abilityzentrierten Setzungen geprägt und wie knüpfen sich hier Intersektionen?
- Wie verändern sich in den Staat eingeschriebener Ableismus und Saneismus historisch: im Wohlfahrtsstaat, im Kontext neoliberaler Transformation, als Antwort auf Forderungen von Behindertenrechtsbewegungen?
Zeitdiagnosen:
Der Schwerpunkt fokussiert auch gegenwärtige politische Entwicklungen und fragt danach, wie diese durch einen Dialog zwischen Disability Studies und feministischer Politikwissenschaft umfassender und präziser analysiert werden können.
- Wie kann der politische Umgang mit Behinderung als Indikator für die Krise der Demokratie, die zunehmende Prekarisierung, die um sich greifende Faschisierung des Sozialen untersucht werden?
- In welcher Verbindung steht der neoliberale Abbau des Wohlfahrtsstaats zu Maskulinisierungs-, ‚Wehrhaftigkeits-‘, Resilienz- und Healthism-Diskursen?
- Wie verknüpft sich die Autoritarisierung von Grenzregimen mit ability-/capacity-zentrierten Bio- und Nekropolitiken in Kriegsregionen, auf der Flucht, in Lagern?
Widerstände, Bewegungen und Utopien:
Schließlich freuen wir uns über Beiträge, die durch alternative Wissensbestände aus den Disability Studies und Bewegungskontexten zu Körperlichkeit, Sorge, dem Sozialen, dem Politischen u.v.m. feministische Politikwissenschaft vertiefen.
- Inwiefern können Formen des politischen Protests und ‚das Politische‘ durch Perspektiven aus den Disability Studies kritisch befragt und erweitert werden?
- Was sind kollektive Strategien gegen ableistische Strukturen und wie kann politisches Handeln auf kollektive Sorge und Inklusion ausgerichtet werden?
- Wie werden in Behindertenrechtsbewegungen und Krüppel-/Crip-Aktivismen intersektionale Verbindungen zu feministischen, queeren, trans*, inter*, antirassistischen, antifaschistischen und antikolonialen Kämpfen gelebt?
- Wo und wie entstehen Solidarität und Allyship, aber auch Friktion und Konflikt?
Abstracts und Kontakt: Deadline 30. November 2026
Der Schwerpunkt wird inhaltlich von Mai-Anh Boger, Gundula Ludwig und Carolin Zieringer betreut. Wir bitten um ein Abstract in der Länge von 250-500 Wörtern bis zum 30. November 2026 an mboger uni-koblenz de und redaktion femina-politica de.
Die Femina Politica versteht sich als intersektional feministische Fachzeitschrift. Sie fördert wissenschaftliche Arbeiten von Frauen und anderen geschlechtlich marginalisierten Personen (wie etwa trans*, inter*, nicht-binären oder geschlechternonkonformen Personen) in und außerhalb der Hochschule und lädt zum Einreichen inhaltlich qualifizierter Abstracts ein. Angesichts des Schwerpunkts freuen wir uns besonders über Einreichungen von Personen mit Behinderung und/oder chronischen Erkrankungen.
Abgabetermin der Beiträge
Die Schwerpunktverantwortlichen laden auf der Basis einer Auswahl aus den eingereichten Abstracts bis zum 15. Dezember 2026 zur Einreichung von Beiträgen ein. Der Abgabetermin für die fertigen, anonymisierten Beiträge im Umfang von 35.000 bis max. 40.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, Fußnoten und Literatur) ist der 15. März 2027. Die Angaben zu den Autor*innen dürfen ausschließlich auf dem Titelblatt erfolgen, um eine Verzerrung der Begutachtung zu vermeiden. Alle Manuskripte unterliegen einem Peer-Review-Verfahren. Pro Beitrag gibt es ein externes Gutachten (beidseitig anony- mes review) und ein internes Gutachten von den Herausgeber*innen. Wenn die Einschätzungen der Gutachter*innen zu weit auseinanderliegen, kann ein drittes Gutachten eingeholt werden. Die Rückmeldung der Gutachter*innen erfolgt bis spätestens 15. Mai 2027.
Die endgültige Entscheidung über die Veröffentlichung des Beitrags wird durch die Herausgeber*innen auf Basis der Gutachten getroffen. Hier kann es auch zu Ablehnungen kommen, wenn beide Gutachten eindeutig negativ sind. Der Abgabetermin für die Endfassung des Beitrags ist der 15. Juli 2027. Die Deadlines sind nicht leider nicht flexibel, um ein zeitgerechtes Erscheinen des (gedruckten) Heftes sicherzustellen.
Date di pubblicazione:
21 settembre 2026
Scadenza:
15 dicembre 2026
Temi:
Discipline: