Analisi Dibattito

Pumpen gegen den Verfall: Muskeln, Männlichkeit und Gewalt

Pila Pierleandro luglio 2026

Was verbindet die Männlichkeitsbilder der Manosphere mit rechten Vorstellungen von Härte und Ordnung? Der Beitrag zeigt, wie in gegenwärtigen hypermaskulinen Inszenierungen von Disziplin, Härte und Gewalt alte Sehnsüchte nach Hierarchie, Kontrolle und Vernichtung fortleben – und wie eng diese mit Antifeminismus und der Abwehr von Verletzlichkeit verbunden sind.

Titelbild: https://www.artchive.com/artwork/the-orders-of-the-night-anselm-kiefer-1996/

Männer ohne durchtrainierten Körper seien «Zahnstocher, wie Oliver Pocher» – so der Rapper Kollegah. Bei seinen Konzerten lässt er junge Männer Gewichte stemmen und auf der Hantelbank um Anerkennung wetteifern. Der Körperkult ist zentraler Bestandteil eines Männlichkeitsbildes, in dem der gestählte Körper als Ideal männlicher Disziplin, Überlegenheit und Dominanz gilt. Ähnliche Inszenierungen finden sich bei Andrew Tate. Der wegen Vergewaltigung und Menschenhandel angeklagte Ex-Kickboxer zelebriert Härte, körperliche Überlegenheit und Gewalt. Kampfsport begreift er als «Kriegswaffe», männliche Kampfbereitschaft als biologisch determinierte Tugend. 

Kollegah und Tate präsentieren ihrem mehrheitlich männlichen Publikum den durchtrainierten Körper als Ideal männlicher Überlegenheit und verbinden ihn mit Verschwörungstheorien, sozialdarwinistischen Ideologien, antifeministischen Positionen, soldatischen Männlichkeitsfantasien und Gewaltbereitschaft. Sichtbar wird dies auch in der Sprache ihrer Angebote: Kollegah nannte die Teilnehmer seines mittlerweile eingestellten Coaching-Programms «Alpha-Armee», während Tates kostenpflichtiger Zirkel «War Room» heisst – ein «globales Netzwerk», in dem, so die Eigenbeschreibung, «Verfechter des Individualismus daran arbeiten, den modernen Mann aus seiner gesellschaftlich bedingten Gefangenschaft zu befreien». 

Solche Inszenierungen lassen sich der sogenannten Manosphere zuordnen: einem heterogenen Online-Netzwerk aus Männerrechts- und Red-Pill-Communities, Pick-up-Artists, Incel-Foren und Men Going Their Own Way (MGTOW), in dem antifeministische und misogyne Vorstellungen verbreitet werden.

Die Manosphere: Frauenhass, Angst und Gewalt

Seit den 2000er-Jahren erhielten diese Netzwerke durch das Internet entscheidenden Auftrieb. Ihre Strömungen verbindet die Überzeugung, Männer würden in einer feministisch geprägten Gesellschaft durch Frauen unterdrückt. Frauen, Feminismus, queere Emanzipation und als «verweichlicht» markierte Männer erscheinen als Bedrohung männlicher Vorherrschaft. Aus dieser Wahrnehmung heraus kann Gewalt legitimiert werden – von Online-Belästigungen bis zu tödlicher Gewalt im Incel-Umfeld. 

Die Manosphere ist nicht pauschal rechtsradikal. Dennoch zeigen ihre Feindbilder Parallelen zu Dynamiken, die Klaus Theweleit in seiner Analyse faschistischer Männlichkeit beschreibt: die Angst vor weiblicher Autonomie, Verletzlichkeit und dem Verlust männlicher Kontrolle. 

Vor diesem Hintergrund folgt ein anachronistischer Schnellspaziergang durch drei nationalistische und rechte Männlichkeits- und Vernichtungsfantasien: An Mishima, Jünger und Evola soll sichtbar werden, wie körperbasierte Männlichkeitsideale und soldatische Selbstbilder des 20. Jahrhunderts in der Manosphere verändert wiederkehren. Ziel ist nicht, die Manosphere mit rechtsextremen Ideologien gleichzusetzen, sondern Berührungspunkte freizulegen. Die dargestellten Männlichkeitsvorstellungen bilden nur einen Baustein eines Gefüges, das sich im Rechtsextremismus mit antisemitischen und rassistischen Ideologien verschränkt. 

Mishimas denkender Körper

Der kriegerisch-soldatische Körperkult, der in gegenwärtigen Männlichkeitsinszenierungen wiederkehrt, wurde bereits in den 1960er-Jahren vom Nationalisten und Kaiseranhänger Yukio Mishima aufgegriffen, einem der bekanntesten Schriftsteller Japans. Für rechte Männlichkeitsfantasien ist Mishima nicht nur wegen seiner Nähe zu kaiserlich-nationalistischen Ideen bedeutsam, sondern auch, weil sein Ideal von Härte, Opferbereitschaft und ästhetisierter Gewalt bis heute in extrem rechten Milieus rezipiert wird. In «Stahl und Sonne» (1968) reflektiert Mishima, dass ihn seine schriftstellerische Tätigkeit allein nicht zur Vollkommenheit führen könne: Sprache bleibt für ihn unvollständig, solange sie nicht körperlich eingelöst wird. Erst durch Disziplin, Training, Stärke und ästhetische Schönheit glaubt er, Geist und Gefühl eine leibliche Entsprechung geben zu können.

«Der Stahl lehrte mich zuverlässig die Entsprechungen von Geist und Körper. Verweichlichte Emotionen, so erschien es mir, korrespondierten mit schwachen Muskeln, Sentimentalität mit einem schlaffen Bauch, Überempfindlichkeit mit einer hypersensiblen, blassen Haut» (Mishima, 2023, 17).

Diese Passage entwirft eine Weltanschauung, in der Schwäche, Sentimentalität und Empfindlichkeit als körperliche Defizite erscheinen. Der trainierte Körper wird zur moralischen Instanz. Er gilt als Beweis von Selbstkontrolle, Härte und Überlegenheit, während Schwäche als Versagen markiert wird. Damit verbindet sich ein Ideal militärischer Disziplin, das den Körper nicht nur formt, sondern ihn zur Rüstung, zum Panzer und symbolischen Kriegsgerät macht. Unter diesen Prämissen erscheinen selbst Schmerz und Tod als etwas, das durch Züchtigung überwunden und schliesslich begehrt werden kann. Gerade diese Verbindung von Körperkult, Selbstdisziplin, Gewaltästhetik und Opferbereitschaft macht Mishimas Denken für rechte und neofaschistische Männlichkeitsbilder anschlussfähig.

Ernst Jüngers soldatischer Vernichtungswahn

Was Mishima in der Nachkriegszeit ästhetisch verkörperte, hatte bereits Jahrzehnte zuvor ein prominentes deutsches Vorbild: Ernst Jünger, der im Ersten Weltkrieg kämpfte und durch seinen heroisierenden Kriegsbericht «In Stahlgewittern» bekannt wurde. Jüngers frühe Texte stehen im Umfeld der sogenannten konservativen Revolution und wurden später immer wieder von rechten und neurechten Milieus aufgegriffen. Seine soldatische Männlichkeit wurzelt nicht im ästhetischen Körperkult, sondern im Kriegserlebnis selbst, in der Verklärung des Frontsoldaten, der Glorifizierung von Gewalt und der metaphysischen Überhöhung des Tötens.

Tod und Vernichtung erscheinen bei Jünger als Annäherung an etwas Höheres. In «Der Kampf als inneres Erlebnis» erhebt er den Krieger ins Pathetische: Der Soldat, der sich bewusst dem Tod stellt und bereit ist zu töten, lebt in einem rauschhaften Zustand höchster Intensität. In ihm verdichten sich Entschlossenheit, Männlichkeit und eiserner Wille zu existenziellen Tugenden.

Dieser «Mannesmut» ist untrennbar mit der Romantisierung von Gewalt und Vernichtung verbunden. In der Zerstörung erkennt Jünger sogar ein schöpferisches Prinzip. Der soldatische Körper wird zum Träger einer apokalyptischen, männlich codierten Schöpfung. So schreibt er: «Der Kampf ist nicht nur eine Vernichtung, sondern auch die männliche Form der Zeugung, und so kämpft nicht einmal der umsonst, welcher für Irrtümer ficht».

Die Überhöhung des Männlichen geht dabei mit einer Abwehr alles vermeintlich Weiblichen einher. Eigenschaften wie Verletzlichkeit, Empathie oder Fürsorge erscheinen als Störung der soldatischen Selbststilisierung. Besonders deutlich wird das in einer Passage aus «In Stahlgewittern», in der Jünger schildert:

«Trotzdem ich kein Weiberfeind bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem männlichen, zielbewussten und zweckmässigen Handeln des Krieges tauchte man in eine Atmosphäre undefinierbarer Ausstrahlungen» (Ebd., 47).

Die «undefinierbaren Ausstrahlungen» verunsichern ihn, weil sie jene heroische Selbstaufwertung unterbrechen, die im Schützengraben trotz Todesangst möglich bleibt. Dort verschmilzt Angst mit einem vermeintlich höheren Zweck: dem Stolz, zu töten und zu sterben. Doch diese Selbstvergötterung droht zu zerfallen, sobald soldatische Männlichkeit nicht mehr dominiert und Verletzlichkeit spürbar wird. Gerade diese Verbindung aus Gewaltästhetik, Abwehr weiblich codierter Verletzlichkeit, Todessehnsucht und männlicher Selbstüberhöhung machte Jüngers Frühwerk für rechte und neurechte Männlichkeitsfantasien anschlussfähig — und lässt sich in veränderter Form auch in der heutigen Manosphere wiedererkennen, etwa in Posen der Unangreifbarkeit, martialischer Rhetorik und der Abwertung von Verletzlichkeit. 

Julius Evolas metaphysischer Kriegskult

Was sich bei Jünger andeutet, wird beim italienischen Faschisten Julius Evola zur Grundlage einer umfassenden Weltanschauung: der Krieg wird zur metaphysischen Notwendigkeit. Evola ist für rechte und rechtsextreme Denktraditionen zentral, weil er Faschismus, Antimoderne, Hierarchie und soldatische Männlichkeit zu einer spirituell überhöhten Ideologie verbindet. Als Vertreter eines radikalen Traditionalismus will er zurück zu überzeitlichen Prinzipien und ewigen Ordnungen. Demokratie, Liberalismus und Kommunismus erscheinen ihm als Symptome einer «verweichlichten» Moderne, der er Hass, Gewaltverherrlichung und Krieg als Gegenmodell entgegensetzt. 

In seinem Aufsatz «Metaphysik des Krieges» (1935) verweist Evola auf den Biologen und Nationalisten René Quinton, der Hass als treibende Kraft des Lebens glorifiziert. Radikale Feindseligkeit erscheint darin als Naturprinzip der Menschheit. Je höher der Mensch aufsteige, desto grösser müsse sein Hass werden. Krieg, Hass und Gewalt gelten auch bei Evola als unausweichliche Notwendigkeiten, als Ausdruck einer heroisch-kriegerischen Lebensweise, die er in einer verfallenden Gesellschaft als Form von Erlösung begreift:

«Der Moment, in dem es dem Einzelnen gelingt, als Held zu leben – selbst wenn es der letzte seines irdischen Daseins ist –, wiegt auf der Waage der Werte unendlich schwerer als ein langes Leben, das mit monotonem Konsum inmitten der Belanglosigkeiten der Städte verbracht wird» (Evola 2011, 43).

Dieses Denken kulminiert in einem gewaltverherrlichenden Todeskult, in dem heroisch-militärische Männlichkeit, metaphysische Selbstüberhöhung und radikale Gewalt verschmelzen. Gewalt und Tod erscheinen nicht nur als Ausdruck existenzieller Stärke, sondern als Mittel, den gesellschaftlichen Kollaps durch sakralisierte, enthemmte Gewalt bewusst voranzutreiben – als Kampf gegen eine als «verseucht» empfundene Gesellschaft.

Selbst eine in Trümmern liegende Welt nach dem Zweiten Weltkrieg war für Evola kein Anlass zur Revision. Der Krieg auf Seiten der faschistischen und nationalsozialistischen Mächte galt ihm in «Orientierungen: Elf Punkte» (1950) weiterhin als gerecht und notwendig, ungeachtet seines Ausgangs und der begangenen Verbrechen. Denn für ihn spiegelte sich darin ein metaphysischer Kampf gegen die Moderne. Aus den Trümmern sollte sich ein «neuer Mensch» erheben, kompromisslos, innerlich diszipliniert und getragen von überzeitlichen Prinzipien. Zwar treibt Evola die Idee männlicher Gewalt in metaphysische Extreme, doch die Vorstellung, dass nur im Kampf gegen eine «verweichlichte» Gesellschaft Erlösung liege, klingt auch in gegenwärtigen Diskursen der Manosphere an.

Verletzliche Männer aus Stahl

Die untersuchten Männlichkeitsentwürfe setzen unterschiedliche Akzente: Mishima idealisiert den disziplinierten Körper, Jünger romantisiert den Krieg, Evola überhöht Zerstörung zur metaphysischen Notwendigkeit. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, dass männliche Selbstvergewisserung durch Härte, Hierarchie, Disziplin und Gewalt entsteht. Zugleich wehren sie ab, was als «weiblich», «verweichlicht» oder zivilisatorischer Verfall erscheint. Zwischen diesen nationalistischen und faschistischen Männlichkeitsfantasien des 20. Jahrhunderts und der heutigen Manosphere lässt sich keine direkte Linie ziehen. Eine strukturelle Nähe besteht jedoch dort, wo auch die Manosphere solche Bedrohungsbilder reproduziert. Daraus entsteht die Sehnsucht nach einer angeblich natürlichen hierarchischen Ordnung, die durch Disziplin, Kampf und – in den extremsten Varianten – unenthemmte Gewalt verteidigt werden soll. Dieser Kampf richtet sich nach innen gegen Angst, Verletzlichkeit und Bedeutungslosigkeit, nach aussen gegen Frauen, Feminismus und Gleichstellung.

Zwar führen Akteure der Manosphere keinen realen Krieg, doch sie inszenieren sich als «wahrhafte Männer» im Abwehrkampf gegen Schwäche und gesellschaftlichen Verfall. Darin zeigt sich eine modernisierte Kritik der Moderne: Ältere antimoderne Motive wie Verweichlichung, Ordnungsverlust und männliche Selbsthärtung kehren unter digitalen Bedingungen und im Kampf gegen Feminismus, Gleichstellung und queere Sichtbarkeit wieder. Die Vorstellung einer unterdrückerischen feministischen Mainstream-Gesellschaft ist dabei widersprüchlich. Patriarchale Denk- und Verhaltensmuster sind weiterhin tief verankert, und rechte wie religiöse Backlashs zeigen, dass feministische Errungenschaften – etwa das Recht auf Abtreibung und körperliche Selbstbestimmung – keineswegs gesichert sind. Zugleich lassen sich feministische Bewegungen kaum zu einem homogenen «Mainstream» verdichten: Von der Thematisierung unsichtbar gemachter Care-Arbeit in operaistischen Debatten über die Kritik eines überwiegend weissen, mittelständischen Feminismus durch das Combahee River Collective bis hin zu Frauenstreiks und MeToo haben sie unterschiedliche, teils widerstreitende Impulse gesetzt. Feministische Kritik bleibt für Männer unbequem, weil sie nicht nur unreflektierte Machtpositionen und verinnerlichte sexistische Muster sichtbar macht, sondern durch den Fokus auf Reproduktions- und Care-Arbeit auch orthodoxe ökonomische Kapitalismusanalysen erweitert. Gerade weil diese Kritik Geschlechterherrschaft als strukturellen Bestandteil gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar macht, fällt die Abwehr so aggressiv aus. Die Männlichkeitsideale der Manosphere erscheinen vor diesem Hintergrund weniger als Ausdruck von Souveränität denn als Symptom tief sitzender Angst: vor Gleichstellung, Verletzlichkeit und dem Verlust patriarchaler Ansprüche auf Überlegenheit.

Bibliographie

  • Evola, Julius: Metaphysics of War. Battle, Victory And Death In The World Of Tradition. Arktos Verlag: UK, 2011. (Die Zitate wurden frei vom Autor aus dem Englischen übersetzt.) 

  • Jünger, Ernst: Der Kampf als inneres Erlebnis. E. S. Mittler & Sohn: Berlin, 1926
  • Jünger, Ernst: In Stahlgewittern. Freeditorial: Miami, o. J. 
  • Mishima, Yukio: Sonne und Stahl. Mitteldeutscher Verlag: Halle, 2023.
  • Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Band 2. Rowohlt Verlag: Hamburg, 1980

 

Date di pubblicazione:

06 luglio 2026

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