Leseseminar: Das Regieren des Worst-Case

Das Regieren des Worst-Case - Ein streitbares Leseseminar für Frauen, mit Tove Soiland, Philosophin und Historikerin, 10 Abende von November 2020 bis März 2021

In einer Situation, in der allgegenwärtige Angst das kritische Denken zu lähmen scheint, möchte das Seminar einen Denkraum schaffen, in dem es über den unmittelbaren Kontext hinaus möglich sein soll zu fragen, was uns gegenwärtig geschieht. Ist Corona ein medizinischer Umstand, dessen Management wir getrost den Experten einer Task Force überlassen sollten, die nicht zu politisieren ist? Oder ist diese Task Force und damit das Regieren des Ausnahmezustands selbst Bestandteil eines neuen politischen Paradigmas der globalen Menschenregierung?

Anders gefragt: Wie kommt es, dass derselbe Staat, der mit seinen jahrelangen Sparprogrammen dem Care-Sektor zusetzte und sich damit als nicht eben lebensfreundlich erwies, in Sachen Schutz des Lebens nun plötzlich unser Vertrauen gewinnt? Und wie kommt es, dass dieselbe kritische Öffentlichkeit, die dem Staat als Inbegriff der Disziplinarmacht misstraute, nun so bereitwillig akzeptiert, dass dieser unser soziales Verhalten bis ins intimste Detail reglementiert – und damit auch unsere Möglichkeit, uns politisch zusammenzuschliessen? Zum Schutze unseres Lebens – aber um welches Leben handelt es sich da? Müsste es uns als Feministinnen nicht misstrauisch machen, dass das, was wir seit Jahren als das zentrale, aber verleugnete Element jeder Care-Arbeit verteidigen: die leibhaftige Beziehung, nun diesem „Schutze des Lebens“ zum Opfer fällt?

So sind es vor allem Feministinnen aus Italien, einem vom Virus besonders hart getroffenen Land, die in diesem Zusammenhang von totalitären Tendenzen sprechen. Nebst diesen werden wir im Seminar philosophische Texte lesen, die diese neue Regierungsrationalität beschreiben: als ein ebenso eindringliches wie undurchdringliches Expertenwissen, das an die Stelle politisch verhandelbarer Ideale die angeblich politikneutrale Steuerung von Bio-Daten stellt, worin „Gesundheit“ zum neuen politischen Signifikant geworden ist, vor dem scheinbar jede Kritik verstummt.

Das Seminar richtet sich explizit auch an Frauen, die bisher wenig oder keine Erfahrung im Umgang mit theoretischen Texten haben, sich aber gerne mit politischen Fragen beschäftigen wollen.

Zeit: Donnerstags jeweils 19:00 bis 21:30 Uhr
Daten: 2019: 12. Nov., 26. Nov., 10. Dez / 2020: 7. Jan.,14. Jan., 28. Jan., 11. Feb., 25. Feb., 11. März, 25. März
Ort: Volkshaus Zürich, Stauffacherstrasse 60, 8004 Zürich, gelber Saal (ausser am 12. November: blauer Saal)
Kurskosten: Fr. 100.– für VPOD-Frauen, Fr. 250.– für Nicht-Mitglieder.
Ein Reader mit Texten wird verteilt und kostet Fr. 35.–.

Anmeldung mit Betreff «Leseseminar» bis 30. September 2020 unter:infovpod-zhch

Quando:

12 novembre 2020 – 25 marzo 2021

Dove:

Volkshaus Zürich, Stauffacherstrasse 60, 8004 Zürich