Rezension: "Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert" von Patricia Purtschert

Analisi

Paola De Martin aprile 2020

Auf dem Cover von «Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weissen Schweiz» sind – wie man dem Impressum entnehmen kann – sitzend im Vordergrund eine Schweizer Werbeträgerin für Lux-Seife aus der Vorkriegszeit abgebildet und stehend neben ihr, mit Schweizerfahne, ein Alpinist in der technischen Ausrüstung aus dem Kalten Krieg. Zusammen mit dem an sich schon anregenden Titel löst diese Assemblage eine allgemeine historische Irritation aus – zum Glück. Denn die «Geschichte der weissen Schweiz», welche die Autorin Patricia Purtschert – Philosophin, Kulturwissenschaftlerin sowie Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern – in dieser Studie darstellt, geht uns alle etwas an.

Grundsatzfragen: die einfachsten und die schwierigsten Fragen

In meiner Generation, ich bin 1965 geboren, war es Common Sense, dass eine Mutter, wie meine Mutter, verheiratet ist und «nur» Hausfrau. Wenn Frauen das aus ökonomischen Gründen nicht sein konnten, machte sie das besonders angreifbar. «Ich muss wieder arbeiten gehen», ein häufig ausgesprochener Satz, nach der Ölkrise defensiv von meiner Mutter an mich und meine Schwester gerichtet, mag das demonstrieren. Zum Common Sense gehörte auch, dass ein Vater, wie mein Vater, der in seiner knappen Freizeit als Alpinist Berge bestieg, dies auf ebenso natürliche Art «nur» als Mann unter anderen Männern tat. Auf eine ganz selbstverständliche Art und Weise adelte ihn, Arbeitsmigrant auch er, dieses Hobby in der Schweiz. Ich folgte dann als junges Mädchen bald ebenso selbstverständlich meinem Vater, später meinem Partner auf die höchsten Gipfel der Alpen und den Haushalt teile ich heute «natürlich» mit Letzterem. Vieles hat sich geändert, aber heute noch, 2020, teile ich niemals die Erfahrung von Schwarzen Alpinisten, nämlich aufgrund der Hautfarbe spontan aufzufallen, und ebenso wenig spontan fällt mir jetzt eine Schwarze Alpinistin ein, obwohl es sie natürlich gibt. Wie anders ist da meine Wahrnehmung in Bezug zum Feld der Care-Arbeit, welche als professionelle Fortführung der Hausfrauenarbeit bezeichnet werden kann. Denn die Reinigungskraft, das Pflegepersonal im Altersheim oder das Leitungsteam einer Kinderkrippe: deren Hautfarbe und Geschlecht nehme ich nicht wahr. Worauf beruht der Unterschied, frage ich mich? Fallen mir Geschlecht und Race der Care-Arbeiter*innen nicht auf, weil es weniger privilegierte Jobs sind? Ist Bergsteigen ein männliches Privileg, das langsam verschwindet, aber ein weisses Privileg, was mir nicht einmal bewusst ist? Diese Fragen zeigen: Die alte Geschlechterordnung, die mit einer kolonialen und klassenspezifischen Ordnung einhergeht, mag an der Oberfläche brüchig, und ihre historische Kontingenz dadurch sichtbar und veränderbar geworden sein, aber sie sitzt immer noch im innersten unseres Körpergedächtnisses und besetzt nach wie vor unsere reflexartigen Wahrnehmungen, mit dem Effekt, dass bestehende Herrschaftsstrukturen im Kopf vorgespurt und real reproduziert werden – in jedem Augenblick und auf ganz natürliche Art. Um aus diesem Determinismus auszubrechen, braucht es den öffentlich bekundeten Willen – Agency – in Verbindung mit einer akkuraten analytischen Auseinandersetzung.

Patricia Purtschert knüpft mit ihrer Studie «Kolonialität und Geschlecht», die aus ihrer Habilitationsschrift an der Universität Luzern hervorgegangen ist, an beides an und reiht sich damit in die Tradition der machtkritischen, feministischen und postkolonialen Analysen ein. Neu und aufregend ist ihre Analyse aus drei Gründen: Erstens, weil sie Geschlecht und Kolonialität intersektionell und fundamental verschränkt. Zweitens, weil sie historisch-empirisch den Fokus auf die Schweiz richtet: «Diesen gegenseitigen Verweisungszusammenhang zu rekonstruieren, ist eine vorrangige Aufgabe dieser Studie. Dabei geht es um nichts weniger als darum zu zeigen, dass Schweizer Geschichte nicht ohne Kolonial- und Geschlechtergeschichte geschrieben werden kann, dass Kolonialgeschichte einer feministischen Analyse und Geschlechtergeschichte einer postkolonialen Perspektive bedarf.» (S. 14). Drittens, weil sie die beabsichtigte Rekonstruktion anhand von populären Quellen – Texte und Bilder aus Zeitschriften, Reiseliteratur, Werbung, Tagebüchern – vollzieht. Das demonstriert, dass dieser gegenseitige Verweisungszusammenhang keine Nebensächlichkeit ist, sondern ein Phänomen, welches das kollektive Schweizer Selbstverständnis ganz grundlegend geprägt hat. Wie sonst könnte man erklären, dass sich – grundsätzlich und idealtypisch – weisse Frauen gegenüber weissen Männern in all diesen Quellen – durchgehend und ebenso idealtypisch – verhalten wie Kolonisierte gegenüber einer europäischen Kolonialmacht, nämlich unterlegen und dankbar zugleich? Wessen Perspektive wird hierbei eigentlich verallgemeinert und idealisiert? Wie kommen solche frappierenden Parallelen historisch zustande? Warum können wir diese Frage heute immer noch nicht rasch, klar und schlüssig beantworten? Grundsätzliches zu hinterfragen, das zeigt die Lektüre dieser Studie, ist im Prinzip ein einfaches, aber in der wissenschaftlichen Praxis ein komplexes Unterfangen. Purtschert übernimmt hier echte Verantwortung in einer vermittelnden Position, nicht zuletzt durch die Wahl ihrer offenen, klaren Prosa, welche die Studie auch für interessierte Nicht-Akademiker*innen zugänglich macht.

«Kolonialität der Macht»: neue Rahmenbedingungen des Verstehens

Um Fragen, wie sie oben gestellt wurden, zu klären führt die Autorin zunächst in die aktuellen theoretischen und analytischen Debatten und Diskurse ein. Sie tut das anhand der einschlägigen Literatur der bekannteren Autor*innen, auf deren Schultern wir heute neue Horizonte in den Blick nehmen können: Stuart Hall, James Baldwin, Toni Morrison, Anne McClintock etwa, und jener der jüngeren, auch in der Schweiz langsam anwachsenden Denktradition, die darauf aufbauen: Saidiya Hartman, María Lugones, Gabriele Dietze, Bernhard C. Schär, Jovita dos Santos Pinto, um nur einige zu nennen. Damit integriert Purtschert gewissermassen die Schweiz in den State of the Art der postkolonialen und feministischen Rahmenanalysen. In der Einleitung skizziert sie mit mittels prägnanter Begriffe (hier in Anführungs- und Schlusszeichen), wie dies denkbar ist:

  • dass in der Schweiz eine gewisse Modernität als aufgeklärte, universelle Selbstzuschreibung mit ganz alltäglicher und legitimer Gewalt gegen die «Anderen» einhergeht – ein Paradox, das Aníbal Quijano historisch auf die gewaltsame, globale Expansion europäischer Mächte im Zeitalter des Humanismus zurückführt und deshalb als «Kolonialität der Macht» bezeichnet.
  • dass in der Schweiz explizit rassistische Abwehrmechanismen der Zwischenkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr als solche bezeichnet werden können, sondern vielmehr verharmlost als kulturelle, anthropologische Konstante konstruiert und popularisiert werden («rassenloser Rassismus», «Kulturrassismus»).
  • dass in der Schweiz verflochtene Geschlechter- und Kolonialgeschichten immer wieder aktiv vergessen gemacht werden («koloniale Amnesie»), so dass die postkoloniale Kontinuität dieser Geschichten immer wieder als ein überraschendes Kuriosum erscheinen muss, durch eine ebenso kurios erscheinende, weil plötzliche Anwesenheit der «Anderen» ausgelöst (durch permanentes «Othering» erst zu solchen «Anderen» gemacht).
  • dass in der Schweiz gewisse sexuelle Orientierungen, gewisse Konsumvorlieben, gewisse habituell hervorgebrachte Lebensstile bis heute als zivilisiert und andere als unzivilisiert gelten – auch dies zwei binäre Kategorien, die historisch durch und durch kolonial konnotiert sind, aber gegenwärtig ohne diesen bewussten Verweis, das heisst naiv, gebraucht werden (eine Schweizer Variante von «white innocence»).

In den geografisch und zeitlich weit gespannten, theoretisch-analytischen Rahmen der Einleitung stellt Purtschert zwei alltägliche Phänomene – die «Hausfrau» der kolonialen Vorkriegszeit und den «Bergsteiger» in der postkolonialen Ära des Kalten Kriegs –, denen sie je ein grosses Kapitel der Studie widmet. Und sie stellt immer wieder dieselbe – einfache, schwierige – philosophische Frage: Wie kann man das verstehen? Wie kann man verstehen, dass die kollektive Performance dieser hochgradig konstruierten Sozialtypen, und die kollektive Identifikation mit ihnen, ihre Wirkung so tiefgreifend entfalten konnten, dass sie uns schliesslich als ganz und gar natürlich erscheinen? Die differenzierten Antworten auf diese Fragen kann ich hier nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen. Ich konzentriere mich deshalb auf je einen Aspekt pro Kapitel, der mich besonders beeindruckt hat.

Koloniale Werbeträgerin für einen faulen Tausch: die «Hausfrau»

Im ersten Kapitel legt Purtschert die latente Seite eines manifesten Tausches dar. Sie zeigt, wie die mystische und gleichzeitig säkularisierte Allegorie einer weissen, Schweizer «Hausfrau» in der Werbung eingesetzt wird, um der weiblichen Bevölkerung während der Ära der Liberalismuskrise ein sozial inklusives, verfängliches Konsumangebot zu machen. Die Zwischenkriegszeit war eine Zeit der grossen sozialen Spannungen und der grassierenden Arbeitslosigkeit. Weisse Frauen aller Klassen und Milieus, so die latente patriarchale Logik der Werbebotschaft, sollten deshalb auf eine mit der männlichen Bevölkerung ebenbürtige Rolle in der Gesellschaft verzichten und sich auf die «moderne» Haushaltsführung beschränken. Als Kompensation bot ihnen der Konsum «weisser Waren» dafür eine privilegierte Rolle als patente, weisse Mittelschichtsfrau gegenüber dem nicht-weissen Rest der Welt an. «Hausfrauen» sollten, mit anderen Worten, dank einem bestimmten «modernen» Konsum in die beneidenswerte Rolle der häuslichen Avantgarde einer weissen Zivilisiertheit schlüpfen. Dank diesem Kontextwissen wird erst nachvollziehbar, wie es die Dynamik des männerdominierten Kapitalismus in dieser Krisensituation schaffte, die einen Diskriminierten (weisse Frauen) gegen die anderen Unterdrückten (Schwarze Männer) auszuspielen, um danach, vitaler denn je, fortzubestehen. Die Kontinuität dieser Dynamik ist frappant, denn nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Ära des Wirtschaftsbooms der Trente Glorieuses von ca. 1945-1975, werden Schweizer «Hausfrauen» nach wie vor auf diese Rolle festgelegt, und dies trotz der weltweit einsetzenden Dekolonisation. Aber unter der Oberfläche dieser Kontinuität zeichnet sich eine Krise der Nachkriegs-Weiblichkeit ab. Denn die Bemühungen der androzentrisch dominierten Werbung und Industrie, den Frauen unbezahlte Hausarbeit schmackhaft zu machen, kommt in der postkolonialen Ära anders daher als noch vor dem Krieg. Man denke etwa an Phänomene wie die US-amerikanische «miracle kitchen» und andere westliche «Fortschritte» der Haushaltstechnik, in denen sich eine neue Werbelogik manifestiert. Diese Logik während des Wirtschaftsbooms ohne Frauen auf dem Arbeitsmarkt besagt, dass Hausarbeit eigentlich «keine Arbeit», sondern eine im wahrsten Sinn des Wortes «abgefahrene», hochtechnologisch domestizierte, innere Raumfahrt ist. Hausarbeit, vor dem Krieg noch richtige Arbeit, das «white woman’s burden» des Zivilisierungsprozesses, ist nun eine von Plackerei befreite, sexualisierte Freizeitbeschäftigung. Auf die Spitze getrieben hat dieses Argument der Playboy-Chef Hughes Hefner mit seinem «kitchenless space», einem Raum, in welchem bemerkenswerterweise die aus der Mode gekommene Rolle des Bediensteten einem asexuellen Schwarzen Butler zugewiesen wurde – auch dies ein Idealtyp seiner Zeit. Wie kann man das verstehen? Das ist einer der vielen Fäden, die dank Purtscherts Analyse aufgenommen werden könnten. Weiterführende Forschungen könnten an dieser Stelle mit einer Dekonstruktion der postkolonialen, weissen «Hausfrau» und ihrer «Anderen» anknüpfen.

Inszenierung der postkolonialen Krise: der «Bergsteiger»

Im zweiten Kapitel, das historisch die Nachkriegszeit in den Blick nimmt, steht nun nicht mehr eine allegorische, weibliche Werbefigur im Fokus der Studie, sondern die normative Verkörperung einer universellen Subjektivität. Diese ist geprägt vom Verständnis seiner selbst als sublimer Norm und der «Anderen» als minderwertige Abweichungen. Seit der Antike wird diese Subjektivität nicht genderneutral, sondern vielmehr der patriarchalen Logik zufolge als eine männliche imaginiert und von Männern verkörpert, wie Purtschert anhand ihrer Lektüre von Luce Irigaray, Judith Butler und anderen Denkerinnen herleitet. Diese Subjektivität – beziehungsweise ihre koloniale Variante aus der Vorkriegszeit – wird in der Nachkriegszeit von der weltweiten Dekolonisation in eine Krise gestürzt. Der Zerfall der alten Ordnung, welche eine Krise der Männlichkeit auslöst, wird auch in der Schweiz umgehend aufgefangen von einer Reihe Schweizerischer «guter», männlicher, nationaler Identifikationsfiguren: dem «Entwicklungshelfer», dem «Diplomaten» der guten Dienste, dem «Abenteuerfotografen» und dem Schweizer «Bergsteiger». Aus meiner Forschung kann ich die Reihe durch eine – vielleicht weniger bekannte, aber ebenso wirkmächtige Verkörperung der neuen starken männlichen Subjektivität im Kalten Krieg ergänzen: dem Schweizer «Designer» der Guten Form. Kongenial und populärer als Letzterer wird die neue Rolle durch Schweizer Extrembergsteiger im Himalaya, Max Eiselin oder Hans Rudolf von Gunten etwa, während der goldenen Ära des Bergsteigens verkörpert. Purtschert fächert die Facetten der Identifikation, die diese Männer bieten, in Relation zu ihren «Anderen» auf, den Bergsteigerinnen und den Sherpas, die in den populären Medienberichten nicht immer einen Namen haben, manchmal nicht einmal ein Geschlecht.

Der Schweizer «Extrembergsteiger» scheint durch und durch ambivalent zu sein: kolonial unbescholten und seit jeher kosmopolitisch, politisch neutral und antikommunistisch, mutig und schwach, er exotisiert «Andere» und ist selbst exotisch, er ist fortschrittlich und in der Tradition verwurzelt, national und international, rational und irrational, sozial und elitär. Aber die Gleichzeitigkeit täuscht, es ist eine, die immer nur fast gelingt, eine, die prekär ist und jederzeit auf die eine Seite abzustürzen droht, wenigstens will die Inszenierung der helvetischen Gipfelstürmer am Himalaya das so verstanden haben. Aber weshalb?

Purtschert legt sorgfältig dar, wie der latente Kampf zwischen diesen binären Aspekten medial mit enormer Breitenwirkung inszeniert wurde, um gleichzeitig davon abzulenken, worum es eigentlich ging. An der Grenze der letzten «weissen Flecken» der Welt, in der «Todeszone», muss der Schweizer «Bergsteiger» vor den Augen der Welt um eine neue, männliche, postkoloniale weisse Überlegenheit ringen, ohne dass man das so sagen durfte. «Technokolonialismus» nennt Purtschert diese epistemische und höchst reale Praxis, einen Mythos zu kreieren. Es ist ein idealisiertes Ringen, insofern als dass der technisch versiertere Schweizer Alpinist den Sieg über die Natur, den Demokratieverlust, den Kommunismus, die sich emanzipierenden Frauen, die postkolonialen «Anderen», den drohenden Wahnsinn und den Tod in der Regel mit voraussehbarem Happy End davonträgt. Die unterschwellige und beunruhigende Botschaft dieses Bergtheaters ist, dass zwar kein absoluter weisser, männlicher, bürgerlicher Sieg im postkolonialen Setting mehr möglich ist. Aber – so die zweite, und beruhigende Botschaft, die folgen muss – dieser absolute Sieg ist auch nicht mehr nötig. Denn die relative Grenze ist die neue Front im Kalten Krieg zwischen der eigenen, weissen, männlichen Überlegenheit und der Unterlegenheit der «Anderen» und die wird auf «natürlichem» Weg und auf höchstem Niveau abgesteckt. Ein ideales neues Freundschaftsverhältnis der «ungleichen Ähnlichkeit» zwischen ehemaligen Kolonisierten und ehemaligen Komplizen der Kolonalmächte wird performativ hergestellt. Mit dieser öffentlichkeitswirksamen Performance eroberten und festigten helvetische «Bergsteiger» den «natürlichen» Platz der Schweiz in den ersten Rängen einer sich abzeichnenden, postkolonialen Weltordnung. Ich kann hier nur noch einmal betonen, wie frappant die Parallelen zu meiner Forschung sind, wie sehr auch Grafik- oder Produktdesigner zu dieser Eroberung beitrugen. Zugleich befreiten diese Akteure damit das Land von seiner historischen Mitschuld für koloniale und Kriegsverbrechen, für die es weder offiziell, geschweige denn in der Wahrnehmung der Bevölkerungsmehrheit, eine echte Verantwortung übernommen hat. Ein Paradox, gewiss, aber was für eines. Die Funktionsweise dieses widersprüchlichen Kunststücks als Lesende wie in der Zeitlupe nachvollziehen zu können, ist – dank Purtscherts akkurater Darstellung – nicht nur interessant und wichtig, es breitet bisweilen auch grosses Vergnügen. Und Witz, so scheint mir, ist gerade heute hilfreich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Polarisierung und Verhärtung der politischen Lager.

Dynamisches Denken: Den Wald und die Bäume in einem Blick

Im Nachwort fasst Purtschert die wichtigsten Ansätze, Fragen und Erkenntnisse zusammen. Ich empfehle Neueinsteiger*innen ins Thema es quasi als Vorwort zu lesen. Das erleichtert das Verständnis für die komplexen Wechselwirkungen von rassifizierten und sexualisierten Alltagsmanifestationen und ihren unhinterfragten Vorannahmen, die in der Folge sorgfältig dekonstruiert werden. Denn was für ein Bogen wird für die Leser*innen in dieser Studie aufgespannt: In der Einleitung von «Kolonialiät und Geschlecht» formuliert Purtschert die Absicht, «eine differenzierte Auseinandersetzung mit historisch und geografisch spezifischen Kontexten» und «die zahlreichen Nuancen, Transformationen und lokalen Eigenheiten von Herrschaftsverhältnissen» darzustellen, ohne Vergangenheit und Gegenwart vorschnell durch eine allgemeine postkoloniale Kritik «einzuebnen» (S. 23). Die Art, wie dies eingelöst wird, ist nicht nur inhaltlich spannend, weil sie disparate historische Alltagsphänomene auf gemeinsame Tiefenstrukturen zurückführt, sondern sie ist auch methodisch anregend, weil sie zeigt, wie man Mikro- und Makroperspektive miteinander verknüpfen kann. Manchmal hätte ich mir noch etwas mehr Beispiele des alltäglichen Widerstands gegen die subtile Macht normativer Denkfiguren gewünscht, aber das hätte wohl den Rahmen der Studie gesprengt. Am Schluss zoomt der wissenschaftliche Blick mit Gewinn aus der Detailansicht heraus. Nach zwei Kapiteln Reise in die Struktur einer «Kolonialität der Macht», richtet Purtschert den Blick in die wissenschaftliche Zukunft. Sie ruft zum «post-monolithischen Verständnis des Kolonialismus» auf, was bedeutet, den Kolonialismus nicht als Block zu verstehen, der säuberlich von anderen Phänomenen abgetrennt in der historischen Landschaft der Schweiz steht, sondern Kolonialität als unverzichtbaren Bezugsrahmen von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart zu verstehen. Auch dieser Apell ist eine inspirierende Geste. Sie dynamisiert das Denken, und sie ermöglicht den Lesenden, den sprichwörtlichen Wald und die Bäume gleichzeitig zu sehen. So können Phänomene, die ansonsten immer nur partiell – will heissen tendenziös im Sinne der Machtstrukturen, die sie reproduzieren – in ihrem Eigensinn besser verstanden werden.

Patricia Purtscherts «Kolonialität und Geschlecht» ist deshalb eine wegweisende Studie, die grosses Potential hat, weitere Forschungen dieser Art in zahlreichen anderen Themenfeldern anzuregen. Für meine eigene Arbeit etwa, die sich mit den normativen Reinheitsdiskursen im Schweizer Design vom 19.-21. Jahrhundert auseinandersetzt, stellt «Kolonialität und Geschlecht» eine argumentative und methodische Stütze dar, dank der ich die langlebigen, impliziten Dogmen des Feldes differenziert und pointiert beschreiben kann – Dogmen, die zwar auf der Oberfläche ständigen Metamorphosen unterworfen sind, aber bis in unsere Gegenwart hinein ihre Jahrhunderte alten Diskriminierungseffekte zeitigen. Mögen die Schweizer «Bergsteiger» des Kalten Krieges und die weissen «Hausfrauen» der Vorkriegszeit womöglich Phantasmen darstellen, die langsam verblassen – obsolet geworden ist die sich gegenseitig bedingende Verstrickung von Geschlecht und Kolonialität in der Schweiz keineswegs.

Patricia Purtschert, Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte der weissen Schweiz, Postcolonial Studies, Band 33, Bielefeld: transcript Verlag, 2019.

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21 aprile 2020

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Paola De Martin