Lokale Grenzpraktiken, 'Urban Citizenship' und solidarische Infrastrukturen

Lokale Grenzpraktiken, 'Urban Citizenship' und solidarische Infrastrukturen im städtischen Raum

Die Stadt als Grenzraum ('borderscape') ist sowohl in der Erforschung von Grenz- und Migrationsregimen als auch in der Stadtforschung bisher kaum thematisiert worden. Grenzen und Migrationskontrollen manifestieren sich nicht nur an nationalstaatlichen Grenzen, sondern werden auch (zunehmend) in städtischen Räumen umgesetzt sowie ausgehandelt. Grenzpraktiken zeigen sich in polizeilichen Aktivitäten im städtischen Raum (z.B. Racial Profiling), aber auch bei der In/Exklusion von Migrant*innen (insbesondere Sans-Papiers) in/aus städtische/n soziale/n Dienstleistungen (u.a. Bildung, Kitas, Gesundheit). Den städtischen Behörden und nichtstaatlichen Akteuren im städtischen Raum kommt dabei eine grosse Bedeutung zu in der Gewährung oder dem Verwehr von grundlegenden sozialen Rechten und wohlfahrtsstaatlichen Leistungen.
Städte sind jedoch nicht nur involviert in die Durchsetzung von repressiven Migrationskontrollen. Sie können gleichzeitig auch Spielräume nutzen und beispielsweise Sans-Papiers Zugänge zu sozialer Infrastruktur in der Stadt ermöglichen, obwohl diese über keinen aufenthaltsrechtlichen Status verfügen. Aktuelle Beispiele dafür sind die sog. Sanctuary Cities in den USA oder Kanada, wo sich Stadtregierungen aktiv nationalstaatlichen Migrationspolitiken widersetzen und mit "don't ask, don't tell"-Politiken irregulären Migrant*innen einen angstfreien Zugang zu Behörden und Dienstleistungen ermöglichen.
In jüngster Zeit sind auch in verschiedenen europäischen Ländern solche inklusiven städtischen Migrationspolitiken aufgekommen, häufig unter dem Label „Solidarity Cities“. Allerdings sind die administrativen und politischen Voraussetzungen wie auch die jeweils involvierten Akteure, Schwerpunktsetzungen und Handlungsansätze in einzelnen Städten sehr verschieden. Zudem wirken sich diese Politiken je nach sozialer Positionierung unterschiedlich aus, weshalb eine intersektionale Perspektive angezeigt ist.

Im Seminar fragen wir:
- Wie werden lokale Grenzpraktiken in Städten konkret umgesetzt?
- Wie erleben Migrant*innen mit prekärem Aufenthaltsstatus diese Grenzpraktiken in ihrem Alltag?
- Welche innovativen Formen von kommunaler Migrations- und inklusiver Sozialpolitik zeigen sich momentan in ausgewählten Städten?
- Wie wird in Städten Citizenship und der Zugang/die Ausgestaltung von sozialer Infrastruktur ausgehandelt zwischen Stadtregierung, Behörden, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen?

Lernziele

Die Studierenden

- erarbeiten sich theoretische Zugänge aus der Stadtforschung, der Migrations/Grenzregimeforschung und der feministischen Raumforschung
- können die verschiedenen theoretischen Konzepte für die Analyse aktueller Fallbeipiele fruchtbar machen

Literatur

Christoph, Wenke / Kron, Stefanie (eds.) (2019): Solidarity Cities in Europe. Charity or pathways to citizenship: a new urban policy approach. Rosa Luxemburg Foundation, Berlin.

Darling, Jonathan / Bauder, Harald (eds.) (2019): Sanctuary cities and urban struggles: Rescaling migration, citizenship, and rights. Manchester University Press.

Spencer, Sarah / Delvino, Nicola (2019): Municipal Activism on Irregular Migrants: The Framing of Inclusive Approaches at the Local Level. In: Journal of Immigrant & Refugee Studies 17 (1), 27–43.

Yuval-Davis, Nira / Wemyss, Georgie / Cassidy, Kathryn (2019): Bordering. Wiley.

Bemerkungen

Bei Überbelegung haben Studierende der Soziologie Vorrang.
Das Seminar richtet sich in erster Linie an Masterstudierende. Fortgeschrittene BA-Studierende (ab 6. Semester) werden zugelassen, falls es noch freie Plätze hat.

Semesters:

Stufe:

MA

Institutionen:

ETCS:

3

Fächer:

Soziologie, Gender Studies

Hochschultyp:

UH