Seit geraumer Zeit ist in zeitdiagnostischen Betrachtungen von einer „Krise der Männlichkeit“ die Rede. So wird etwa für rechtspopulistische Bewegungen und Gewaltakte aus der jüngeren Vergangenheit beobachtet, dass sie häufig mit Beschwörungen von Virilität und misogynen Weltanschauungen einhergehen, die sich als Symptome einer multikausalen Verunsicherung verstehen lassen. In populären medialen Diskursen ist krisenhafte Männlichkeit schon fast zu einem Topos der Gegenwart geworden. Und in der sozialwissenschaftlichen Forschung gilt die Männlichkeit der Gegenwart im Mindesten als herausgefordert (u.a. durch Gleichstellungsansprüche).
Im Seminar wollen wir diese Diagnose einer gegenwärtigen Krise der Männlichkeit in einen historischen Kontext stellen sowie in ihrer literarischen Bearbeitung untersuchen. Denn weder verunsicherte Männlichkeit noch ihre Reflexion im Diskurs über die Krise der Männlichkeit sind - anders als es Gegenwartspositionen suggerieren - neu. Vielmehr ist für die Epoche der Moderne eine Serie von Momenten zu verzeichnen, in denen Männlichkeit so thematisiert und problematisiert worden ist. Im Seminar befassen wir uns mit solchen Momenten anhand der literarischen Produktion sowie anhand weiterer Quellen zur Geschichte männlicher Subjektivität.

Wie verhält sich die Rede von der Krise der Männlichkeit zur Geschichte männlicher Subjektivität in der Moderne? Inwiefern verweisen Konjunkturen des Krisendiskurses auf eine grundlegend fragile Verfassung moderner Männlichkeit? Wann kommt es aus welchen Gründen zu Konjunkturen von Krisendiskursen? Was indiziert die Rede von der Krise der Männlichkeit? Ist sie in ihrer gegenwärtigen Variante ein Hebel emanzipatorischer Bewegung - im Sinn des Aufbrechens homogener und oppressiver Männlichkeitsideale - oder vielmehr ein Vehikel der Bestätigung solcher Ideale? Und welche Rolle spielt die literarische Darstellung in diesem Zusammenhang? Wie spielt zum Beispiel ein Konzept männlicher Autorschaft oder ein in der ästhetischen Tradition als «männlich» figuriertes Geniekonzept hier hinein? Und wie verhält sich Literatur als potenzieller «Gegendiskurs» zu der Diagnose der Krise? Das sind nur einige Fragen, die wir im Forschungsseminar behandeln wollen. Dabei geht es uns grundlegend darum, für genaue Lektüren und eine historische Tiefenschärfe zu plädieren, die für die Analyse gegenwärtiger Verhältnisse unabdingbar ist.

Bemerkungen

Das Seminar wird im Co-Teaching von Prof. Dr. Caroline Arni (Dept. Geschichte) und Prof. Dr. Nicola Gess (Dept. Sprach- und Literaturwissenschaften) durchgeführt.

Semesters:

Stufe:

MA

Institutionen:

ETCS:

4

Fächer:

Geschichte, Literatur, Gender Studies

Hochschultyp:

UH