Geschichte des Ungeborenen, Politik der Schwangerschaft

Das Ungeborene ist heute vieles zugleich: ein noch nicht geborenes Kind, biologisches Forschungsmaterial oder Repräsentation von „Leben“ schlechthin. Solchen Konzeptionen der Gegenwart liegt eine Vorstellung des Embryos bzw. Fötus als „biologisch-objektives Faktum“ (Barbara Duden) zugrunde, die historisch jüngeren Datums ist. Ihre Geschichte führt vom Ungeborenen der Vormoderne, das nur eingebettet in Körper und Erfahrung der Schwangeren Sinn machte, über die Herstellung einer davon losgelösten Entität in den embryologischen Wachsmodellen des 19. Jahrhunderts bis hin zu gegenwärtigen bioethischen Kontroversen um embryonale Stammzellen. Scheint die Schwangere auf diesen Schauplätzen zu verschwinden, so ist gleichzeitig im Verlauf des 19. und 20 Jahrhunderts eine Politik der Schwangerschaft entstanden, die auf vielfältige Weise von ihr handelt: seien es die biopolitisch motivierte Sorge um Einflüsse auf die pränatale Entwicklung, eine auf die Armen gerichtete Bevölkerungspolitik, Pro- und Anti-Natalismus, Einschränkungen von reproduktiven Rechten (z.B. durch Zwangssterilisation), Kontroversen um Schwangerschaftsabbruch und Leihmutterschaft — stets stehen Person, Körper und Biographie der Schwangeren auf dem Spiel. Nicht überraschend befasst sich genau damit auch die feministische Kritik. So haben etwa afroamerikanische Frauen im Verbund mit Frauenbewegungen aus dem globalen Süden das Konzept der „reproductive justice“ entwickelt, und italienische Philosophinnen haben angeregt, Mutterschaft in die symbolische Ordnung der Gesellschaft einzuschreiben. Mit der Geschichte des Ungeborenen und den Politiken der Schwangerschaft wollen wir im Seminar zwei Dinge miteinander in Zusammenhang bringen, die in der Forschung oft eher unvermittelt nebeneinander stehen.

Semesters:

Stufe:

BA

Disziplinen:

Institutionen:

ETCS:

3

Fächer:

Geschichte

Hochschultyp:

UH