Intersektionalitätsforschung als Hegemoniekritik

AnalysenUn/Gleichheiten

Marta Roca i Escoda, Farinaz Fassa, Eléonore Lépinard Februar 2018

Intersektionalität, sowohl international als auch in der frankophonen Welt, ist zu einem unumgänglichen theoretischen Ansatz geworden. Innerhalb der Geschlechterforschung zeugen zahlreiche wissenschaftliche – sowohl in englischer als auch in französischer Sprache verfasste – Arbeiten davon und auch innerhalb der Politik auf europäischer wie internationaler Ebene zeigt man sich davon inspiriert. Intersektionalität gilt als unabdingbares «Vorzeigekonzept», gleichzeitig ist die Forschungsrichtung Zielscheibe heftiger Kritik geworden: «Intersektionalität» sei zum entpolitisierten «Buzzword» verkommen, das sein kritisches Potential verloren hätte, oder sie sei in ihrer Konzeptualisierung ungeeignet, um gesellschaftliche Machtbeziehungen adäquat darzustellen.

Es sollte nicht vergessen werden, dass Intersektionalität als Konzept in den USA entstand und dass seine internationale Verbreitung eine Geschichte hat – hier ist insbesondere die umstrittene Übersetzung ins Französische zu nennen. Beim Gebrauch des Begriffs «Intersektionalität» gilt es deshalb darauf zu achten, seinen dynamischen Äusserungskontext und analytischen Rahmen, bewusst zu halten. Nur so kann das kritische – oder: wie Sumi Cho, Kimberlé Crenshaw und Leslie McCall dies formuliert haben – das «rebellische» [engl. insurgent] Potential des Begriffs erhalten werden.

Geschichte(n) eines Konzepts auf beiden Seiten des Atlantiks

Über den Begriff «Intersektionalität» besteht bisher kein Einvernehmen. Als unverzichtbares Konzept ist es auf beiden Seiten des Atlantiks zur Diskussion gestellt worden, die Kontroversen sind jedoch spezifisch für jeden Kontext. Es ist allerdings nötig, diese miteinander in Verbindung zu setzen, denn die Debatten jenseits des Atlantik erlauben es auch, die Debatten im frankophonen Sprachraum von Neuem zu befragen und ihre weissen Flecken zu identifizieren. Die amerikanische Genealogie der Intersektionalitätsforschung als Anliegen des Black Feminism ist inzwischen wohl bekannt: Das Konzept wurde von Kimberlé Crenshaw etabliert, die aufgezeigt hat, wie juristische Denkkategorien Angehörige dominanter sozialer Gruppen begünstigen. Dies führt dazu, dass strukturelle Machtverhältnisse reproduziert werden und dass sich überkreuzende Unterdrückungserfahrungen dabei nicht in den Blick geraten. Crenshaw argumentiert als Juristin, sie ist aber stark von den Theoretikerinnen des Black Feminism inspiriert; die von ihr begründete theoretische Strömung besitzt hegemoniekritisches Potential. Crenshaw nimmt die Idee auf, dass «the tendency to treat race and gender as mutually exclusive categories of experience and analysis» insbesondere auf jene Gruppen von Menschen Macht ausübt, die sich auf der «Kreuzung» [engl. intersection] dieser Kategorien befinden.

Crenshaws Analyse, die von der Situation der Woman of Color ausgeht, ist nicht nur eine kritische Theorie und eine Politisierung von juristischen Kategorien, sondern auch eine Kritik an der Identitätspolitik sozialer Bewegungen. Deswegen, und auch weil sie keine grosse soziale Theorie hervorbringt, die die Artikulation aller gesellschaftlichen Machtverhältnisse erklären würde, eröffnet Crenshaws Ansatz eine Vielzahl von theoretischen Fragestellungen und politischen Herausforderungen, die auch Fragen zur politischen Dimension von akademischen Konzepten aufwirft.

Mehr als 25 Jahre nach der Publikation des Textes von Crenshaw ist Intersektionalität heute Gegenstand von angeregten Diskussionen im US-amerikanischen und generell dem englischsprachigen Raum. Wie Cho, Crenshaw und McCall gezeigt haben, existieren allerdings noch immer viele Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der feministischen und der Rassismusforschung, insbesondere in Bezug darauf, wie das Konzept am besten operationalisiert werden kann und welches heuristisches Potential es effektiv besitzt. Die Autorinnen heben hervor, dass insbesondere zwei «Mobilisierungsstrategien» des Konzepts existieren: Einige Forscher*innen versuchen, das Konzept in ihrer Disziplin zum Mainstream zu machen, indem sie neue Fragen aufwerfen, die die Komplexität von sozialen Beziehungen aus der jeweiligen disziplinären Perspektive genauer berücksichtigen. Andere interpretieren das Konzept auf kritischere und rebellischere Weise, was zu ihrer Marginalisierung in der jeweiligen Disziplin führt. Die Intersektionalitätsforschung hat Debatten angestossen, wie Kategorien, Identität(en) und soziale Beziehungen gedacht werden sollen. Diese Diskussion illustriert aber laut Cho, Crenshaw und McCall auch die Dynamik dieses Forschungsfelds, das nicht abschliessend definiert werden kann, ähnlich etwa wie jenes der sozialen Klasse. Die Existenz solcher Diskussionen sollte jedoch nicht dazu führen, das Konzept selbst in Frage zu stellen, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, dass der intersektionale Ansätze in verschiedenen Forschungszweigen entwickelt und methodologisch unterschiedlich umgesetzt wurden. Statt einer einheitlichen Theorie ist Intersektionalität ein transnationales Forschungsfeld, das einerseits von seiner historischen Entwicklung und andererseits von seinen politischen Implikationen geprägt wird.

Neben den angeregten akademischen Diskussionen und den politischen Debatten, die sich um die Frage nach der Produktion von Wissen drehen, sind die Diskussionen im anglophonen Sprachraum durch zwei Schwerpunkte gekennzeichnet, die auch für die Rezeption und Verbreitung des Konzepts im französischsprachigen Raum bezeichnend sind. Der erste hat die Definition von Intersektionalität und die Analyse der sozialen Zustände, die untersucht werden sollen, zum Thema. Der zweite betrifft den Raum, der Women of Color – resp. der Kategorie race – in einem intersektionalen Ansatz zusteht.

Ein wichtiger Teil der Kritik an Intersektionalität betont das Risiko, sich eher auf Gruppen und Kategorien als auf soziale Beziehungen zu konzentrieren. Dies führe zu Analysen, die die soziale Realität als zu starr auffassen, was wiederum dieselben Probleme aufwirft, die die Intersektionalität anprangert: die Essentialisierung sozialer Gruppen, die allzu 'mathematische', kumulative Vorstellung gesellschaftlicher Unterdrückung und der zu starke Fokus auf Individualität und individuelle Erfahrungen, der die strukturellen sozialen Verhältnisse nicht genügend beachtet.

Die Wesensgleichheit sozialer Verhältnisse im frankophonen Kontext

Die englischsprachige Debatte über die Definition von Intersektionalität erinnert an den Widerstand und die Kritik, die die das Konzept im frankophonen Kontext erfuhr. Auch dort stand insbesondere der angeblich statische Charakter des Konzepts im Vordergrund. Der französische materialistische Feminismus hatte nämlich bereits das Ineinandergreifen und die Gleichförmigkeit gesellschaftlicher Machtverhältnisse theoretisiert. In ihren Arbeiten zum Zusammenspiel von Geschlecht und Kapitalismus hat Danièle Kergoat bereits 1978 vorgeschlagen, dass die Geschlechterverhältnisse und die Produktionsverhältnisse sich gegenseitig stützen. Sie hat aufgrund ihrer Untersuchungen – und mangels eines besseren Begriffs – das Konzept der «Wesensgleichheit» (frz. consubstantialité) sozialer Verhältnisse vorgeschlagen. Laut Kergoat ermöglicht dieser Begriff, zu erklären, dass die sozialen Verhältnisse – mögen sie sich auch in einigen Aspekten unterscheiden – gewisse Gemeinsamkeiten besitzen und dass sie deswegen nicht unabhängig voneinander verstanden werden können. Sie entwickeln sich gemeinsam und reproduzieren sich in ihrer Entstehung gegenseitig.

Die grundlegende Annahme, nach der verschiedene soziale Unterdrückungen sich nicht einfach additiv nebeneinandersetzen lassen, sondern sich gegenseitig auf komplexe und dynamische Art und Weise überkreuzen, hervorbringen und überlappen wird innerhalb des feministischen Materialismus grösstenteils geteilt. Die Terminologie der französischen Feministinnen spiegelt jedoch auch die Komplexität eines solchen Konzepts wider. Alle ihre Beiträge erinnern an die Notwendigkeit, die Klassenfrage nicht auszuklammern und die sozialen Verhältnisse in all ihren Artikulationen zu reflektieren, auch wenn die Terminologie manchmal unterschiedlich ist: einige schreiben von «Überlappung» (frz. imbrication), während andere den Fokus auf die Artikulation und Re-Artikulation legen und wiederum andere bestehen auf die Begriffe der Verschränkung (frz. intrication), der Ko-Produktion und der ständigen Ko-Konstruktion.

Weiter ist die Etablierung von Intersektionalität im frankophonen Kontext mitunter konfliktgeladen, weil, sie mit race ein Thema in den Mittelpunkt rückt, das bisher theoretisch wie politisch nur wenig berücksichtigt worden ist. Die Intersektionalitätsforschung kann aber auch theoretische Debatten auslösen und erlaubt es, die politische Entwicklung dieses Konzepts und die akademischen und wissenspolitischen Herausforderungen, vor die es uns stellt, genauer in den Blick zu nehmen.

Einige französische Kritiker*innen versuchen, aus der Intersektionalitätsforschung ein Schreckgespenst zu machen, indem sie sie als eine Theorie darstellen, die von starren Identitätskategorien ausgeht und die zu wenig Aufschlüsse über gesellschaftliche Machtverhältnisse bietet. Dies dient letztlich nur der Verteidigung von nationalen und sprachlichen «Hoheitsansprüchen». Die französische Denktradition, die auf die Klassenfrage und auch auf die Tatsache, dass Kategorien und Identitäten nicht ausserhalb von sozialen Verhältnissen denkbar sind, insistiert, steht nicht alleine da; sie kann aber – theoretisch wie politisch – noch viel dazugewinnen, wenn sie auch race ernst zu nehmen beginnt. Es gilt aber auch, sich an die französischsprachigen, schwarzen Feministinnen der 1980er Jahre zu erinnern, die ebenfalls über Intersektionalität nachgedacht haben, auch wenn sie sie nicht so genannt haben, und die in den theoretischen und politischen Debatten grösstenteils an den Rand gedrängt worden sind. Die Gründungstexte des Black Feminism haben einen intellektuellen Raum geschaffen, der für die von Rassismus betroffenen frankophonen Feministinnen entscheidend war.

Dieser Punkt führt uns zu einer weiteren Überlegung, die wieder zur englischsprachigen Debatte zurückführt: Auch dort wird die Intersektionalitätsforschung im akademischen Kontext scharf kritisiert, weil sie zu stark auf Frauen fokussiere, die Rassismus ausgesetzt seien. Deren hochgradige Unterdrückung sei zu spezifisch um ernsthaft über die vielfältigen Überlappungen von sozialen Beziehungen nachzudenken. Dahingehend schlagen viele Kritiker*innen vor, diesen eingeschränkten Fokus aufzugeben, um Intersektionalität als Konzept zu etablieren, das die Reflektion aller sozialen Zustände gleichermassen erlaubt. Diese Autor*innen wollen also Intersektionalität als Konzept beibehalten, es aber von seiner im Black Feminism verwurzelten Genealogie lösen um es theoretisch anspruchsvoller zu machen. Um es anders zu sagen: Das Konzept soll freier und deswegen von seinen Wurzeln befreit werden. Crenshaw hat darauf hingewiesen, dass das Konzept nie ausschliesslich auf die Situation von schwarzen Frauen beschränkt war, sie ist aber auch erstaunt, zu sehen, dass das Konzept in Europa ohne jegliche Referenz auf Rassismus aufgenommen wurde. Intersektionalität macht – u.a. in Bezug auf das Recht – unsichtbar gemachte Kategorien sichtbar, und betont dass jene vom Recht ausgeschlossenen Gruppen mit anderen Kategorien gedacht und demarginalisiert werden müssen. Wir sollten den Widerstand, den der Begriff Intersektionalität im französischsprachigen Raum auslöst, und auch dessen Folgen für marginalisierte Gruppen, kritisch analysieren. Denn die Intersektionalitätsforschung ist ein politisches Projekt, dass wie Cho, Crenshaw und McCall erinnern, nicht unabhängig vom Machtfeld race und Geschlecht gedacht werden kann («intersectionality neither travels outside nor is unmediated by the very field of race and gender power that it interrogates», S. 791).

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version der Einleitung aus der Publikation zur Tagung «L'intersectionnalité: enjeux théoriques et politiques». Der sechste «Congrès international des recherches féministes francophones» fand vom 29. August bis 2. September 2012 an der Universität Lausanne statt.

 

Literaturhinweise:

  • Farinaz Fassa, Eléonore Lépinard et Marta Roca i Escoda, L'intersectionnalité: enjeux théoriques et politiques, La Dispute, Paris, 2016.

  • Sumi Cho, Kimberlé Williams Crenshaw, and Leslie McCall, Toward a Field of Intersectionality Studies: Theory, Applications, and Praxis, Signs: Journal of Women in Culture and Society, 2013 (38:4), S.785-810.

Publikationsdatum:

01. Februar 2018

Disziplinen:

Autor_innen:

Marta Roca i Escoda, Farinaz Fassa, Eléonore Lépinard