Schwarze Feminismen

Forschung

Schwarze feministische Theorien und aktivistische Perspektiven aus politischen Kämpfen sind so alt wie feministische Bewegungen insgesamt. Cécile Fatiman, Sojourner Truth, Yaa Asantewaa, Ida B. Wells, Claudia Jones u.a. nannten sich selbst nicht ‚Feministin’ und doch traten sie für die Abschaffung und Überwindung von Versklavung (Abolitionismus) und Kolonialismus, gegen Rassismus und Kapitalismus sowie für Geschlechtergerechtigkeit und internationale Solidarität ein. Vor diesem Hintergrund kritisierten und analysierten afrikanische und afrodiasporische Aktivist*innen unter Einbezug geteilter Kämpfe und verschiedener Wissensbestände die Verschränkungen gesellschaftlicher Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse. Auch innerhalb US-amerikanischer feministischer Bewegungen ab den 1970er-Jahren, waren es Schwarze Feminist*innen wie u.a. das Combahee River Collective und Patricia Hill Collins, die forderten, das strukturelle Ineinandergreifen und die Verwobenheit von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen zu thematisieren.

In vielen Teilen der Welt haben sich Schwarze Feminist*innen und Women* of Color gegen Kolonisierung zur Wehr gesetzt, sind neokolonialen Bestrebungen, Militarismus und Extraktivismus entgegen getreten und in post-/dekolonialen und transnational-feministischen Analysen zur Kritik von globalen ökonomischen, ökologischen, rassifizierten und vergeschlechtlichten Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnissen prominent vertreten. Auch im deutschsprachigen Kontext haben Schwarze Feminist*innen auf das Zusammenspiel unterschiedlicher Herrschaftsdimensionen aufmerksam gemacht. Es gelang ihnen aufzuzeigen, wie stark Nachwirkungen von Kolonialismus und Rassismus gesellschaftliche Strukturen und Institutionen (v.a. auf dem Arbeitsmarkt, in Akademie, Forschung und Lehre, in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik, im rechtlichen Bereich) sowie den Nexus von Begehren, Geschlecht und Sexualität prägen und damit auch Erfahrungen Schwarzer Frauen* wesentlich strukturieren. Sie zeigten zudem, wie Rassismus auch die neuen Frauen*bewegungen in Deutschland, den USA und weiteren Ländern durchzieht und feministische Ansätze (zu u.a. Reproduktionsarbeit, Selbstbestimmung und Anti-Gewalt Arbeit) wurden grundlegend nach ihren Kompliz*innenschaften und Leerstellen befragt und herausgefordert.

Dabei sind Schwarze feministische Theorien und Aktivismen nicht auf bestimmte Orte begrenzt, vielmehr werden sie durch transnationale Verbindungen, Bewegungen, Kämpfe, Imaginationen und Visionen auch außerhalb des ‚Westens‘ geprägt. Das Verhältnis zwischen politischer Praxis und Wissenschaft von Schwarzen Feminismen ist dabei verschränkt bzw. relational zu denken: Einsichten und Erkenntnisse aus politi-schen Bewegungen bzw. Aktivismus fließen grundlegend in Theorieproduktionen ein, hinterfragen, verändern und erweitern diese, gleichzeitig fließen Theorieansätze als komplementäres Wissen in die Analysen und alltäglichen politischen Konflikte, Kont-roversen und Auseinandersetzungen. Dabei entfalten Schwarze Feminismen emanzipatorische Potentiale für eine praktische Veränderung von Gesellschaften.

Trotzdem sind Schwarze feministische Archive, Theoriebestände, Reflexionen und Analysen im deutschsprachigen wissenschaftlichen Kontext relativ marginalisiert und werden kaum zur Kenntnis genommen. Das Paradigma der Intersektionalität, die Frage von Tripple Oppression oder post- und dekoloniale feministische Perspektiven haben nur langsam, teilweise depolitisiert und mit vielen Ausblendungen Eingang in deutschsprachige feministische Theorieentwicklungen und Diskussionen gefunden. Hingegen erhalten abolitionistische Perspektiven und Kritik an racial gendered capitalism, afro-pessimistische Ansätze, Womanism, Schwarze queere Theorien, Schwarze feministische Geographien, transformative und reproductive justice, Ansätze zu fugitivity oder Kreolisierung weiterhin nahezu keine Beachtung.

Das Schwerpunktheft interveniert in die vorhandenen Lücken und Ausblendungen. Ziel des Heftes ist es, Themen, Debatten, Positionen, Interventionen, Kämpfe und Bewegungen entlang eines breiten Spektrums Schwarzer feministischer Theorien aus der globalen afrikanischen Diaspora (z.B. African Feminisms and Womanisms, Afro-bras-lianische Theorien und Aktivismen, Afro-karibische oder Afro-türkische feministische Ansätze) vorzustellen, freizulegen und bekannt(er) zu machen, damit diese mit Bezug auf die transnationale Dimension Schwarzer Feminismen thematisiert und diskutiert werden können. Dabei sollen auch die unterschiedlichen Herangehensweisen, er-kenntnistheoretischen Annahmen sowie politischen Schwerpunktsetzungen für die Analyse, Erforschung und Kritik intersektionaler gesellschaftlicher Verhältnisse deutlich werden. Zugleich ist es uns ein Anliegen, Schwarz-feministische Ansätze, die grundlegend für kritische Gesellschaftstheorie sind, in ihren inhaltlichen Reichweiten und vielfältigen Anknüpfungspunkten innerhalb des deutschsprachigen Raums fruchtbar zu machen. Vor diesem Hintergrund freuen wir uns über theoretische, empirische sowie methodologische Beiträge und solche, die diese verbinden. Willkommen sind auch Beiträge, die die politische und sozialwissenschaftliche Bedeutung von Kunst, kulturellen sowie ästhetischen Produktionen Schwarzer Feminismen verdeutlichen.


Mögliche Ansätze und Themen können sein:
1. Epistemologien, Wissenschaftskritik und Solidaritäten
➢ Black/African queer studies
➢ Afro-Futurismus und futuristische Imaginationen
➢ Afro-pessimistische Ansätze und Theorien
➢ Radikal Schwarze Kritik an Humanismus als Wissenschaftsperspektive
➢ Afro-diasporische Perspektiven auf transnational-feministische Solidarität (z.B. zwischen ‚westlichen’ und afrikanischen, karibischen, südamerikanischen Per-spektiven).

2. Reproduktion, Gesundheit und Affekte
➢ Schwarz-feministische Perspektiven auf Care-/Gesundheits-/Liebesarbeit (Schwarze Körper als ‚ungrievebale bodys’)
➢ Soziale Reproduktion und Reproduktive Gerechtigkeit (reproductive justice)
➢ Affekttheoretische Perspektiven
➢ Black disability studies
➢ Medizinischer Rassismus, Kämpfe um global health justice (z.B. infolge der Corona Krise).

3. Staat, Ökonomie und Sicherheit
➢ Schwarze feministische Perspektiven und Kämpfe zu Polizei, Gefängnissen, Grenz- und Deportationsregimen, Bio- und Nekropolitiken
➢ Schwarze feministische Theorien zu racial capitalism und internationaler politischer/postkolonialer Ökonomie
➢ Kritik an Militarismus, Versicherheitlichung und geopolitischen Konjunkturen
➢ Schwarze feministische Analysen von Demokratie und postkolonialer Staatlichkeit
➢ Feminismen des Schwarzen Mittelmeers, Flucht und Migration, Schwarz-feministische Geographien.

4. Erinnerungspolitiken, Bildung und Weltbürger*innenschaft
➢ Genozid, (Post-)Konflikt-Situationen, Frieden und transitional justice-Modelle
➢ Erinnerungspolitiken und Storytelling
➢ Bildungstheorie, -philosophie und Subjektkritik
➢ Post- und dekoloniale Perspektiven auf Bildung, World-Citizenship und Globale Positionalität und daraus folgende globale Gerechtigkeit.

5. Ökologie, (neue) Technologien und Digitalisierung
➢ Intersektionale Ungleichheiten innerhalb von big data, Computerisierung und Digitalisierung
➢ Black digital and cyber feminism
➢ Klimaschutz und ökologische Gerechtigkeit, Kämpfe gegen intersektionalen Umweltrassismus
➢ Capitalocene und Schwarz-feministische Kritik am Anthropozentrismus und Anthropozän.

Abstracts und Kontakt
Der Schwerpunkt wird inhaltlich von Denise Bergold-Caldwell, Christine Löw und Vanessa E. Thompson betreut. Wir bitten um ein- bis zweiseitige Abstracts bis zum 30. November 2020 an bergoldc@staff.uni-marburg.de, loew@em.uni-frankfurt.de und thompson@europa-uni.de oder an die Redaktionsadresse redaktionfemina-politicade. Die Femina Politica versteht sich als feministische Fachzeitschrift und fördert wissenschaftliche Arbeiten von Frauen* in und außerhalb der Hochschule. Speziell in diesem Heft werden inhaltlich qualifizierte Abstracts von mehrfach marginalisierten Frauen* und nicht-binären Personen bevorzugt.

Abgabetermin der Beiträge
Die Schwerpunktverantwortlichen laden auf der Basis der eingereichten Abstracts bis zum 15. Dezember 2020 zur Einreichung von Beiträgen ein. Der Abgabetermin für die fertigen, anonymisierten Beiträge im Umfang von 35.000 bis max. 40.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literatur) ist der 15. März 2021. Die Angaben zu den Autor*innen dürfen ausschließlich auf dem Titelblatt erfolgen. Alle Manuskripte unterliegen einem Double Blind Peer Review-Verfahren. Pro Beitrag gibt es ein externes Gutachten (Double Blind) und ein internes Gutachten durch ein Redaktionsmitglied. Ggf. kann ein drittes Gutachten eingeholt werden. Die Rückmeldung der Gutachten erfolgt bis spätestens 15. Mai 2021. Die endgültige Entscheidung über die Veröffentli-chung des Beitrags wird durch die Redaktion auf Basis der Gutachten getroffen. Der Abgabetermin für die Endfassung des Beitrags ist der 15. Juli 2021.

Offene Rubrik Forum
Neben dem Schwerpunktthema bietet die Rubrik Forum die Gelegenheit zur Publikation von Originalmanuskripten aus dem Bereich geschlechtersensibler Politikwissenschaft (Beiträge im Umfang von 20.00 bis max. 25.000 Zeichen), die zentrale Forschungsergebnisse zugänglich machen oder wissenschaftliche Kontroversen anstoßen. Vorschläge in Form von ein- bis zweiseitigen Abstracts erbitten wir an die Redaktionsadresse redaktion@femina-politica.de. Die endgültige Entscheidung wird auf der Basis des Gesamttextes getroffen.

Publikationsdatum:

23. September 2020

Deadline:

30. November 2020