Prostitution und Sexarbeit

Gender - Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft - Ausgabe 1/22

Die immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen um Sexarbeit und Prostitution betreffen das Verhältnis von Prostitution und Staat oder die Frage nach individueller Freiheit und sexueller Selbstbestimmung. Insbesondere umstritten sind Formen und Wirkungsweisen politischer Regulierung, nicht zuletzt deshalb, weil das Feld sehr heterogen ist und einzelne Sexarbeitende von den Regulierungen sehr unterschiedlich getroffen werden. Zugleich steht aber auch in Frage, wie Sexualität als solche wissenschaftlich erforscht und kulturell repräsentiert wird, mit welchen konkreten normativen Inhalten ‚Emanzipation‘ historisch wie aktuell gefüllt wird und in welchem Modus sie gesellschaftlich durchgesetzt werden kann. Der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema und den intendierten und nichtintendierten Wirkungen von Regulierung verdient einen genaueren Blick.
Gegenwärtig erfahren Fragen nach Formen und Grundlagen für Grenzziehungen zwischen kommerzieller und nichtkommerzieller Sexualität eine erhöhte Aufmerksamkeit. Noch jüngste Forderungen im Zuge der Covid-19 Pandemie nach einem dauerhaften ‚Verbot von Prostitution‘ machen sichtbar, dass Prostitution und Sexarbeit (weiterhin) stark konfliktbehaftete Themen sind. Hierbei stehen die Unterscheidung zwischen heterosexuellen, queeren, und Trans-Identitäten sowie die Bedeutung normativer Vorstellungen von Beziehungen, Sexualität und Intimität in der Diskussion.
Als Wissensobjekt ist Sexarbeit/Prostitution daher stark diversifiziert. Dies zeigt sich sowohl entlang unterschiedlicher disziplinärer Perspektiven als auch thematischer Inhalte, die häufig vor allem interdisziplinär bearbeitet werden müssen, da unterschiedliche Ebenen wie staatliche Regulierungen, soziale Strukturen, (kulturelle) Repräsentationsformen und die Konstitution von Identitäten ineinandergreifen. Der Heftschwerpunkt will solche unterschiedlichen Perspektiven und spezifische disziplinäre wie interdisziplinäre Zugänge sichtbar machen.
Erwünscht sind sowohl empirische als auch theoretisch informierte Beiträge, die auch intersektionale und postkoloniale Perspektiven auf Prostitution und Sexarbeit (etwa vor dem Hintergrund von Arbeit/Armut, Migration, Staatsbürgerschaft und Geschlecht) sichtbar machen. Dazu gehören folgende mögliche Schwerpunkte:

  • Darstellungen „der“ Prostituierten oder „des” Freiers in Musik, Kunst, Literatur, Film und Theater
  • der historische und gesellschaftliche Wandel des Verständnisses von Sexarbeit/Prostitution und dessen Niederschlag in rechtlichen Regulierungen
  • die Theorie der Prostitution, die Ökonomie der Sexarbeit und die besondere Form des Tauschs in der Prostitution
  • Kontroversen über die (internationale) Regulierung von Prostitution und Sexarbeit und/oder deren Auswirkungen
  • das Verhältnis von Prostitution und Geschlechter(un)ordnung
  • Sexarbeit und feministische Solidarität im Zeitalter von #MeToo
  • Debatten um „carceral“ bzw. „anti-carceral feminism“

Herausgeber_innen sind Nicola Behrmann, Sabine Grenz, Martin Lücke, Heike Mauer, Romana Sammern und Maria Wersig. Wir bitten um die Einreichung eines ein- bis zweiseitigen Abstracts bis zum 15. November 2020. Beiträge aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland können gern auch auf Englisch eingereicht werden.

Publikationsdatum:

28. September 2020

Deadline:

15. November 2020