"It’s complicated!" Geschichts- und Erinnerungspolitik in feministischer Perspektive

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft Heft 1/2025

Inhaltliche Betreuung der Schwerpunkt: Andrea Genest und Silke Schneider

Geschichts- und Erinnerungspolitik sind Politikfelder, in denen es unter Bezug auf Vergangenes um die Legitimation gegenwärtiger Politiken und politischer Positionierungen geht – dies betrifft staatliche Politikstrategien ebenso wie gesellschaftliche Aushandlungsprozesse.

Die Relevanz dieses Feldes ist für feministische Politiken und Wissenschaft offensichtlich. So ist der Bezug auf historische, traditionelle Rollenbilder und vermeintlich natürliche binäre Geschlechterverhältnisse zentraler Bestandteil rechtsautoritärer, völkischer Diskurse. Der Bezug auf Geschichte und Erinnerung ist aber ebenfalls konstitutive Grundlage des Ringens um unterschiedliche Kontextualisierungen aktueller politischer Konflikte – etwa die Rolle des Gedenkens an die Shoah und die historischen Kontinuitäten rassistischer Ausgrenzungspolitik, in denen es immer auch um vergeschlechtlichte Zuschreibungen von Verantwortlichkeiten, geschlechtsspezifische Verfolgungen und (De-)Thematisierung sexualisierter Gewalt geht.

Über die legitimatorische Kraft in Bezug auf gegenwärtige politische Positionierungen und die Analyse aktueller Konflikte in ihrem historischen Entstehungsprozess hinaus zeigt sich aber auch immer wieder das enorme Mobilisierungspotenzial von Geschichte und Erinnerung.

Der Schwerpunkt der Femina Politica fragt nach geschlechtsspezifischen Ausprägungen von Geschichts- und Erinnerungspolitiken sowie feministischen Perspektiven auf die Thematisierung von Geschichte in (gesellschafts-)politischen Auseinandersetzungen.

Auf welche Weise historische Ereignisse und Akteur_innen auch von feministischen Bewegungen als Sinnstiftung und Legitimation genutzt worden sind, welche Konflikte oder Leerstellen zu konstatieren sind, welche Narrative wirkmächtig werden, ist hier von Bedeutung. Welche in offiziellen historisch-politischen Narrativen verschwiegenen oder marginalisierten Personen, Ereignisse oder Geschichten, auf die sich etwa widerständige Traditionen gründen lassen, auf welche Archive überhaupt zurückgegriffen werden kann, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Dies betrifft auch die Frage nach geschlechterdifferenten Strategien und Ausgrenzungen in Debatten um historische Schuld und Entschädigung, z. B. wenn es um die Frage von Restitutionen und die rechtliche Aufarbeitung und Entschädigung geschlechtsspezifischer Verfolgungen oder sexualisierter Gewalt geht.

Die Erinnerung an feministische Bewegungen und g an feministische Kämpfe ist in heutigen Auseinandersetzungen für unterschiedliche Akteur_innen relevant, z. B. in den

Auseinandersetzungen um körperliche und sexuelle Selbstbestimmung. Konflikte etwa um das Recht auf Abtreibung, um selbstbestimmte Mutterschaft oder um Transition finden vor dem Hintergrund historischer Kämpfe und Rahmenbedingungen statt und sind jeweils auf unterschiedliche Weise von Ungleichheitsverhältnissen geprägt. Historische Kämpfe, in denen feministische Solidarisierungen über Differenzverhältnisse hinweg stattgefunden haben, werden für heutige Kämpfe um Solidarität neu thematisiert und teilweise wiederentdeckt, beispielsweise in Arbeitskämpfen.

Die historisch-politischen Verschränkungen von Sexismus, Klassismus, Rassismus sowie von Antisemitismus können auf der Ebene politischer Interessenkonflikte diskursiv polarisierend bzw. integrierend wirken und nicht zuletzt als Teil postkolonialer Theorietradition auch eine normierende Funktion haben. Insbesondere die Verschränkung und das Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Ausgrenzungsformen bei oftmals selektiven, vermeintlich „unkomplizierten“ Geschichtsbezügen soll in den Blick genommen werden. Wie lassen sich intersektionale Ausgrenzungen erkennbar machen, wie lässt sich der Gefahr entgehen, sie gegeneinander auszuspielen und wie lassen sich ihre komplizierten Wirkungen in Bezug auf die Sinnstiftung und Legitimation feministischer Bewegungen fassen?

In diesem Schwerpunkt der Femina Politica sollen also die komplizierten, vergeschlechtlichten Prozesse der Deutung von Geschichte und Erinnerung in ihrer Funktion für derzeitige politische Strategien, Ein- und Ausgrenzungen, Positionen und/oder Akteur_innen in den Blick genommen werden. Ebenso kann die feministische Forschung zum Thema selbst kritisch und selbstreflexiv zum Gegenstand werden – wo reiben sich Erkenntnisse neuer Fragestellungen mit eingeübten Erklärungsmustern? Wie könnten feministische Geschichts- und Erinnerungspolitiken konzeptualisiert werden?

Willkommen sind theoretische, konzeptionelle und empirische Beiträge, historisch vergleichende wie transnationale Studien oder Case-Studies, die sich geografisch auf Deutschland, Europa oder globale Zusammenhänge beziehen können und sich auf folgende Fragenkomplexe beziehen:

Akteur_innen

  • Welche Rolle spielen Frauen*, Feminist_innen und feministische Bewegungen bei der Thematisierung von Geschichte in politischen Auseinandersetzungen? Lassen sich Entwicklungen und Konjunkturen feststellen?

  • Auf welche Weise sind Frauen* und andere geschlechtlich marginalisierten Gruppen in politisch-historischen Narrativen repräsentiert? Welche Akteur_innen feministischer Geschichtspolitik lassen sich identifizieren und welche Bedeutung kommen Geschlechterperspektiven in der Geschichts- und Erinnerungspolitik zu?

  • Welche Folgen hatten die Debatten der 1980er und 1990er Jahre um feministische Geschichtspolitik in Bezug auf Nationalsozialismus, Antisemitismus und Täter*_innenschaft? Wie wirken sie in heutigen Debatten nach?

Strategien

  • Welche vergeschlechtlichten Strategien lassen sich in geschichtspolitischen Debatten identifizieren? Welche Diskurs- und Narrativkonstruktionen werden insbesondere von rechtsautoritärem, populistischem Akteur*innen entworfen und verstärkt? Lassen sich Strategien des Verschweigens oder auch Gegenstrategien identifizieren?

  • Welche Rolle kommt Heteronormativität und stereotypen Geschlechterbildern im Feld der Geschichts- und Erinnerungspolitik zu?

  • Welche Rolle spielen geschichts- und erinnerungspolitischer Strategien, Diskurse und Bilder in den geschlechterpolitischen Debatten autoritärer Regime und post-diktatorischer Gesellschaften? Welche qualitativen Unterschiede finden sich zwischen West- und Osteuropa bzw. den Staaten des Globalen Südens? Welche Auswirkungen gibt es, z. B. in Gleichstellungs-, Familien- oder Antidiskriminierungspolitiken?

Konflikte

  • Welche feministischen Auseinandersetzungen um die Bedeutung des kolonialen, patriarchalen Erbes und vergeschlechtlichter postkolonialer Machtverhältnisse prägen gegenwärtige Geschichtspolitiken (z. B. im Hinblick auf die Legitimation feministischer Außenpolitik)?

  • Wie lassen sich Thematisierung und De-Thematisierung geschlechterpolitisch relevanter Vergangenheiten, vergeschlechtlichter öffentlicher Repräsentationen, kollektiver Identitätsangebote und -konstruktionen sowie politisch-historischer Legitimität fassen? Auf welches archivarische Material kann zurückgegriffen werden?

  • Wie können kritische (Selbst-)Reflexionen feministisch-postkolonialer Theorieansätze im Hinblick auf das Erstarken antisemitischer Stereotypisierungen, Reflexe und Gewalt aussehen?

Beitragsvorschläge zu Aspekten, die im Call for Papers angesprochen werden, in diesen Fragen aber möglicherweise nicht erschöpfend aufgegriffen werden, sind ebenfalls willkommen!

Abstracts und Kontakt

Der Schwerpunkt wird inhaltlich von Andrea Genest und Silke Schneider betreut. Wir bitten um ein- bis zweiseitige Abstracts bis zum 31. Mai 2024 an genestravensbrueckde und silke.schneiderhsbide oder an die Redaktionsadresse redaktionfemina-politicade. Die Femina Politica versteht sich als intersektional feministische Fachzeitschrift. Sie fördert wissenschaftliche Arbeiten von Frauen und anderen geschlechtlich marginalisierten Personen (wie etwa trans*, inter*, nicht-binären oder geschlechternonkonformen Personen) in und außerhalb der Hochschule und lädt zum Einreichen inhaltlich qualifizierter Abstracts ein.

Abgabetermin der Beiträge

Die Schwerpunktverantwortlichen laden auf der Basis der eingereichten Abstracts bis zum 15. Juni 2024 zur Einreichung von Beiträgen ein. Der Abgabetermin für die fertigen, anonymisierten Beiträge im Umfang von 35.000 bis max. 40.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literatur) ist der 15. September 2024. Die Angaben zu den Autor*innen dürfen ausschließlich auf dem Titelblatt erfolgen. Alle Manuskripte unterliegen einem double blind Peer Review-Verfahren. Pro Beitrag gibt es ein externes Gutachten (double blind) und ein internes Gutachten durch ein Redaktionsmitglied. Ggf. kann ein drittes Gutachten eingeholt werden. Die Rückmeldung der Gutachten erfolgt bis spätestens 15. November 2024. Die endgültige Entscheidung über die Veröffentlichung des Beitrags wird durch die Redaktion auf Basis der Gutachten getroffen. Der Abgabetermin für die Endfassung des Beitrags ist der 1. Januar 2025.

Publikationsdatum:

25. März 2024

Frist:

31. Mai 2024