Familie, Geschlecht und Gesellschaft

Gesellschafts- und geschlechtertheoretische Perspektiven im Dialog

Workshop an der Ruhr-Universität Bochum, 08.–10. Juli 2020

Sozialwissenschaftliche Theorien und Zeitdiagnosen schreiben der Familie häufig die Bedeutung einer »Keimzelle« für Staat und Gesellschaft zu, Staat und Gesellschaft sind folglich sozialwissenschaftlich nicht ohne die Familie zu begreifen. Dabei werden häufig traditionelle Vorstellungen der bürgerlichen heterosexuellen Familie betont, die auf einer lebenslangen ehelichen Verbindung von Frau und Mann mit leiblichen Kindern und damit verbundenen Geschlechtszuständigkeiten beruht, in denen Frauen die Haus- und Sorgearbeit und Männern die Erwerbsarbeit zugewiesen wird und Sexualität vornehmlich der Fortpflanzung dient. Soziokulturell tradierte Zuschreibungen an die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter, die im Zuge der Polarisierung der Geschlechtscharaktere im 18. und frühen 19. Jahrhundert formuliert wurden und die moderne »Tradition« der (bürgerlichen) Familie als dominanter Lebensform und der mit dieser verknüpften Geschlechterverhältnisse begründeten, werden so diskursiv (wieder)belebt. Weit seltener jedoch hinterfragen sozialwissenschaftliche Theorien und Zeitdiagnosen diese Vorstellung von Familie und die ihr zugeschriebenen Geschlechterbeziehungen und -verhältnisse, ihre Stabilität und ihren Wandel, in ansonsten als in Veränderung begriffenen gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Bedeutung von Familie und familialen Lebensformen, von biosozialen Prozessen wie »Fortpflanzung«, »Schwangerschaft« bzw. »Zeugung« und »Geburt« für die Hervorbringung von Geschlecht und Geschlechterdifferenz wird hier kaum gesellschaftstheoretisch reflektiert.

Umgekehrt tut sich auch die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung schwer, Familie und familiale Lebensformen, ihre Stabilität und ihren Wandel, gesellschaftstheoretisch zu begreifen und in ihren Zeitdiagnosen theoretisch-konzeptuell zu reflektieren. Zu tief scheint nach wie vor die grundlegende feministische Kritik an der Unterdrückung von Frauen in der und durch die Familie und die traditionell mit ihr verbundene geschlechtliche Arbeitsteilung verankert zu sein: Simone de Beauvoir (1949) sah etwa den weiblichen Körper aufgrund seiner Gebundenheit an die Reproduktionseigenschaften (wie Schwangerschaft und Geburt) als defizitär und schwach und als Begründung für die »Versklavung der Frau« an. Adrienne Rich (1976) stimmte gut 25 Jahre später in der Diagnose der Unterdrückung der Frauen über ihren Körper mit de Beauvoir überein, schlug aber vor, die der weiblichen Biologie innewohnende Macht als Bestandteil der Frauenemanzipation zu begreifen. Bis heute sind positive feministische und geschlechtertheoretische Perspektiven auf Familie, Familiengründung und familiale Lebensformen bzw. Mutter- und Vaterschaft angesichts der ansonsten als tiefgreifend in Veränderung begriffenen gesellschaftlichen Verhältnisse vergleichsweise rar. Nur zögerlich werden biosoziale Prozesse wie »Generativität«, »Schwangerschaft« bzw. »Zeugung«, »Geburt« und »Fortpflanzung« als Gegenstand feministisch-konzeptueller und geschlechtertheoretischer Begriffsarbeit aufgenommen.

Interessierte Sozialwissenschaftler*innen und/oder Geschlechterforscher*innen aller Qualifikationsstufen sind herzlich eingeladen, ein Abstract zum geplanten Beitrag (mit Angaben zu Thema, Zielsetzung, Fragestellungen und Argumentation) im Umfang von 3.000 bis 5.000 Zeichen als Word- oder PDF-Dokument einzureichen. Das Abstract soll neben einer Kurzbiographie im Umfang von maximal 10 bis 12 Zeilen auch vollständige Kontaktdaten (Name, akademische/r Titel, institutionelle Anbindung, Post- und E-Mail-Adresse, Telefonnummer) enthalten. Bitte senden Sie Ihr Abstract bis zum 31. Januar 2020 an Prof. Dr. Heike Kahlert (conference-sozsugrubde, siehe auch: www.sowi.rub.de/sozsug).

Eine Rückmeldung zur Annahme oder Ablehnung des Beitragsvorschlags erfolgt bis Mitte Februar 2020.

Der Workshop dient der Diskussion von »work in progress« und Forschungsergebnissen und der Netz-werkbildung für die mögliche weitere Zusammenarbeit. Es ist geplant, die Beiträge in kleinen Arbeitsgruppen zu diskutieren, die während des gesamten Workshops zusammenarbeiten werden. Deadline für die Einreichung der schriftlichen Beiträge (mit einer maximalen Länge von 40.000 Zeichen incl. Leerzeichen und Literaturangaben) ist der 15. Mai 2020. Rechtzeitig vor dem Workshop werden die schriftlichen Beiträge allen Teilnehmenden zur Verfügung gestellt werden. Von allen Teilnehmenden wird erwartet, dass sie die Beiträge im Voraus lesen. Während des Workshops werden alle Autor*innen ihre Beiträge kurz (je ca. 10 Minuten) mündlich vorstellen, und jede*r Teilnehmer*in wird einen anderen Beitrag kommentieren. Alle Beiträge werden ausführlich diskutiert. Ausgewählte Beiträge sollen veröffentlicht werden.

Bitte beachten Sie: Für den Workshop wird voraussichtlich eine Teilnahmegebühr (ca. 25 €) erhoben, die für das Catering während der Kaffeepausen verwendet werden wird. Reise- und/oder Übernachtungskosten können leider nicht übernommen werden!

Publikationsdatum:

08. Januar 2020

Deadline:

31. Januar 2020

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