Zur Aktualität der Soziologie Max und Marianne Webers für Gesellschaftsanalysen in feministischen und geschlechtertheoretischen Perspektiven

Call for Papers für den Workshop (und Buchprojekt) "Zur Aktualität der Soziologie Max und Marianne Webers für Gesellschaftsanalysen in feministischen und geschlechtertheoretischen Perspektiven"

Der Workshop findet am 17. und 18. Oktober 2019 an der Ruhr-Universität Bochum statt.

Max Weber (1864–1920), dessen Todestag sich am 14. Juni 2020 zum 100. Mal jährt, gilt als einer der „Gründerväter“ der Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft. Sein Werk umfasst ein äußerst breites inhaltliches Spektrum mit mehreren Schwerpunkten, die sich aus heutiger Sicht über mehrere Wissenschaftsdisziplinen, darunter neben der Soziologie auch Geschichts-, Wirtschafts-, Rechts- und Religionswissenschaft, sowie wissenschaftstheoretische und methodologische Fragen erstrecken. Angesichts seiner Heterogenität gilt das Werk als sich dem schnellen und leichten Zugang verschließend. Zu den aus soziologischer Sicht wohl bekanntesten und einflussreichsten Schriften zählen neben dem Text „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ sozialstrukturell relevante Untersuchungen zur Industriearbeiterschaft, Berufssoziologie und Sozialpolitik sowie Arbeiten zur Herrschaftssoziologie und Wissenschaftslehre. Neben der inhaltlichen Pluralität reichen Webers Schriften von wissenschaftlichen Abhandlungen in theorie- und begriffsbildender Absicht über Enqueten bis hin zu Diskussionsbeiträgen und Reden. Dies verdeutlicht, dass sich Weber, aus heutiger Sicht betrachtet, keineswegs nur als distanzierter Wissenschaftler, sondern auch als politisch denkender und handelnder Publizist verstand und engagierte.


Marianne Weber (1870–1954), Max Webers Ehefrau, deren Geburtstag sich am 02. August 2020 zum 150. Mal jährt, übernahm nach dem Tod ihres Ehemannes keineswegs nur die Edition seiner bis dato unveröffentlichten Schriften und verfasste eine Biographie zu Max Weber, sondern war bereits zu seinen Lebzeiten auch selbst wissenschaftlich, sozial und politisch aktiv. Sie engagierte sich in der (bürgerlichen) Frauenbewegung und publizierte seinerzeit einflussreiche Schriften zur „neuen“ Frau an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, Stellung der (Ehe-)Frau und Mutter in der Rechtsentwicklung, Beteiligung der Frau an der Wissenschaft, zu kulturellen Mustern weiblicher Vergesellschaftung im Zuge des Individualisierungsprozesses und zum Wandel von Ehe, Liebe und Sexualität. Damit war sie, wie es in der Todesanzeige des Heidelberger Frauenrings hieß, „eine der ersten, die den historisch bedingten Wandel in der Stellung der Frau um die Jahrhundertwende klar erkannte“ (zitiert nach Wobbe 1998, S. 177). Marianne Weber beschäftigte sich über drei Jahrzehnte hinweg folglich mit soziologischen Problemstellungen, die den Wandel der Geschlechterverhältnisse in der Moderne betreffen und kann damit als eine Vordenkerin der Thematisierung der Geschlechterfrage in der soziologischen Theoriebildung bezeichnet werden. Gleichwohl werden ihre Schriften bisher für die Geschichte und Theoriebildung der Soziologie kaum rezipiert.


Die Frauen- und Geschlechterforschung hat sich bisher insgesamt wenig mit der Geschichte ihrer Herkunftsdisziplinen auseinandergesetzt und die Aktualität von als klassisch bezeichneten theoretischen Überlegungen und zeitdiagnostischen Analysen in deren Gründungserzählungen kaum ausgelotet, geschweige denn kritisch hinterfragt und revidiert. Dies gilt insbesondere auch für die Forschung zu Max und Marianne Webers Werk. Im angelsächsischen Wissenschaftsdiskurs finden sich hierzu einige Studien, die den disziplinären Kanon der vermeintlich klassischen Soziologie aus feministischen und geschlechtertheoretischen Perspektiven befragen (z.B. Sydie 1987, Kap. 3, 2004; Kandal 1988, Kap 4; Bologh 1990; Lengermann/Niebrugge 1998). Und auch in den französischsprachigen Gender Studies werden Max Webers Schriften einer geschlechtertheoretischen Re-Lektüre unterzogen (Varikas 2010). Gerade aber der deutschsprachige Diskurs der Frauen- und Geschlechterforschung bzw. feministischen Forschung zeigt sich in der Auseinandersetzung mit den disziplinären Wurzeln in ihrer Theorie- und Begriffsbildung verhalten. Obwohl die Webers in Deutschland beheimatet waren und sich in ihren Forschungen auf diesen geopolitischen Kontext bezogen, sind feministische und geschlechtertheoretische Arbeiten zu den Schriften von Max und Marianne Weber in deutscher Sprache rar (vgl. jedoch z.B. Gerhard 1991, 1998; Wobbe 1997, 1998, 2004, 2011; Meurer 2010).

Der geplante Workshop mit anschließender Buchpublikation will dazu beitragen, diese Rezeptionslücke zu schließen. Willkommen sind Beitragsvorschläge zu allen Facetten des Werks von Max und Marianne Weber aus feministischen bzw. geschlechtertheoretischen Perspektiven. Dabei werden sowohl Beiträge begrüßt, die sich werksimmanent mit den Arbeiten der Webers auseinandersetzen, als auch solche Texte, die deren Analysen in den Kontext zeitgenössischer sozialer Entwicklungen und gesellschaftstheoretischer Debatten stellen, als auch Überlegungen, wie im Anschluss an die Schriften Max und Marianne Webers feministisch bzw. geschlechtertheoretisch weitergedacht werden könnte. Mögliche Beiträge könnten etwa folgende Aspekte aufgreifen:


• Inwiefern beschäftigt sich Max Weber in seinen soziologischen Schriften mit geschlechterbezogenen Fragestellungen und der sozialen Bewegungen der Frauen? Welche Bedeutung misst er den damit verbundenen sozialen Veränderungen bei? Wie könnten Webers gesellschaftstheoretische und zeitdiagnostische Überlegungen feministisch bzw. geschlechtertheoretisch weitergedacht werden? Was leisten Marianne Webers Analysen der sozialen Bewegung der Frauen und des Wandels der Geschlechterverhältnisse an der Schwelle zum 20. Jahrhundert für eine geschlechtskategorial informierte Theorie der Moderne?


• Welche theoretischen und methodologischen Impulse geben Max und/oder Marianne Webers soziologische Konzepte und Analysen bspw. hinsichtlich der dem modernen Kapitalismus inhärenten Wertsetzungen und der damit verbundenen Wandlungen, der Konzeptionalisierung von Macht und Herrschaft sowie der Wertfrage in Wissenschaftstheorie und Methodologie für die Weiterentwicklung feministischer bzw.geschlechtertheoretischer Gesellschafts- und Wissenschaftsanalysen? Inwiefern schließen feministische
Wissenschaftskritiken und Methodologien an die Überlegungen der Webers an?


• Wie können gegenwärtige Entwicklungen und Phänomene in Bezug auf Stabilität und Wandel der Geschlechterverhältnisse in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen wie Wirtschaft und Wissenschaft im Anschluss an die Denkangebote, Konzepte, Begriffe und Analysen von Max und/oder Marianne Weber in feministischer bzw. geschlechtertheoretischer Absicht gedeutet werden? Welche Aktualität kommt diesbezüglich etwa Max Webers Analysen zur „Protestantischen Ethik“ vor dem Hintergrund neuerer Überlegungen zu einem „neuen“ – evtl. gar weiblicheren – „‚Geist‘ des Kapitalismus“ oder Marianne Webers Analyse des „Ehepatriarchalismus“ im Kontext einer Pluralisierung der Lebensformen zu?


Interessierte Wissenschaftler*innen sind herzlich eingeladen, ein Abstract zum geplanten Beitrag (mit Informationen zu Gegenstand, Fragestellung, Zielsetzung und Struktur des Beitrags) im Umfang von 3.000 bis 5.000 Zeichen bis zum 15. März 2019 an Prof. Dr. Heike Kahlert (conference-sozsugrubde) als Word- oder PDF-Datei einzureichen.

Das Abstract soll neben einer Kurzbiographie im Umfang von maximal 10 bis 12 Zeilen auch vollständige Kontaktdaten (Name, akademische/r Titel, institutionelle Zugehörigkeit, Postadresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse) enthalten. Eine Rückmeldung zu Annahme oder Ablehnung des Beitragsvorschlags erfolgt bis Mitte April 2019.
Der geplante Workshop ist als Autor*innentagung konzipiert und dient der Diskussion vorliegender Beitragsentwürfe mit dem Ziel der zeitnahen Publikation. Die Beiträge (mit einer maximalen Länge von 45.000 Zeichen incl. Leerzeichen und Literaturverzeichnis) müssen bis zum 20. September 2019 eingereicht werden. Sie werden rechtzeitig vor dem Workshop an alle Teilnehmer*innen verteilt werden. Es wird erwartet, dass alle Teilnehmer*innen die Beiträge im Vorfeld des Workshops lesen und die Kommentierung eines Beitrags übernehmen. Im Rahmen des Workshops werden die Autor*innen ihre Beiträge kurz vorstellen, gefolgt von je einem vorbereiteten Kommentar und einer Diskussion mit den Workshop-Teilnehmer*innen. Ausgewählte Beiträge werden im Sommer 2020 im Rahmen eines Sammelbands in der Buchreihe „Gesellschaftstheorien und Gender“ (Wiesbaden: Springer VS), die von Heike Kahlert und Christine Weinbach herausgegeben wird, veröffentlicht. Publikationsfertige Beiträge müssen daher bis spätestens 31. Januar 2020 vorliegen.

Publikationsdatum:

07. Februar 2019

Deadline:

15. März 2019

Disziplinen: