| Description: | Der Fokus der Dissertation richtet sich zunächst auf die literarische Familie um 1900. Die Familie ist eines der Paradigmen der Weltliteratur: Als keimzellenartiger Mikrokosmos anerbietet sich die Familie zur fassbaren Darstellung der urmenschlichsten Konflikte – zwischen Generationen und Geschlechtern, aber auch in einem grösseren Zusammenhang zwischen persönlichen und öffentlichen Interessen –, gilt sie doch in der abendländischen Kultur als primärer Ort der Sozialisierung. Eine erste Untersuchung des Gegenstandes (Lizentiatsarbeit) deutete auf eine sich zuspitzende Krise der literarischen Familie in Erzähltexten um 1900 (rund 60 Jahre früher als in der gesellschaftlichen Entwicklung) hin. Die Untersuchung verschiedenster Texte (Keller, Stifter, Fontane, Th. Mann, Keyserling) ergab, dass die überall eindeutig patriarchale Struktur als nicht hintergehbar erscheint. Gerade Texte, die vordergründig als Exempel erscheinen, dekonstruieren sich jedoch selber und zeigen so in je unterschiedlichem Mass Risse auf, die eine In-Frage-Stellung der patriarchalen Struktur nahe legen.
Bei der Analyse der Vermittlung von Normen und Werten wurde wiederholt deutlich, wie sehr diese Texte immer auch einen Beitrag zum Thema der Geschlechteridentität und der Geschlechterkonflikte darstellen. Jetzt soll präziser fokussiert werden: nicht nur auf die «Genealogie» (Nietzsche) der Moral im literarischen Werk, sondern spezifisch auf die Vermittlung von Geschlechteridentität in Bezug auf diese Moral. Zeichnet sich im Spektrum der Texte von Keller bis Keyserling eine Art epochaler Prozess ab, nämlich ein zunehmender Verlust der Normmächtigkeit (insbesondere des Vaters) – stabile Eindeutigkeit weicht dabei zusehends fluider Polyvalenz –, so stellt sich nun die Frage, ob dieser Prozess um 1900 an ein Ende kommt. Unter Miteinbezug theoretischer Texte (Wissenssoziologie und aufkommende Psychoanalyse) soll der ‹Familien-Diskurs› untersucht werden, um den status quo um 1900 festzuhalten. Trotz weitgehend immanenter Vorgehensweise in Bezug auf die literarischen Texte soll dabei der Wechselwirkung zwischen literarischem und theoretischem Diskurs Rechnung getragen werden. Vor diesem Hintergrund sollen dann auch spätere Werke miteinbezogen werden, unter der Fragestellung, wie es nach dem Scheitern von literarischen Familien à la Buddenbrooks überhaupt weitergehen kann, wie das Paradigma der Familie in der Literatur weiterbesteht. |