| Description: | Der Begriff interdisziplinär erweist sich als problematisch, wenn man sich wissenschaftlich tatsächlich zwischen den Disziplinen als Ausgangsposition verorten möchte. Handelt es sich dabei um Disziplinen, die in ihren spezifischen epistemologischen Ausrichtungen so entgegengerichtet sind wie etwa Hirnforschung und Gender Studies, dann ist es ein gewagtes Unterfangen. Im Vorfeld meiner Arbeit geht es hauptsächlich darum, ein Legitimationsfeld zu schaffen: lässt sich eine experimentell orientierte Hirnforschung mit den dekonstruktivistisch geprägten Gender Stu-dies synthetisieren wenn sich beide bereits durch die Anerkennung bzw. Negierung des Grund-prinzips der Objektivität ausschliessen? Genau an dieser Inkompatibilität möchte ich ansetzen, um beide methodologischen Antagonisten, Experiment und Dekonstruktion, in eine tatsächlich interdisziplinäre Arbeit zu integrieren.
In einem ersten Teil gilt es vorerst, ausgehend vom Machtbegriff, auf die Kategorie Geschlecht in poststrukturalistischen Sexualitäts- und Machttheorien zu fokussieren und dabei insbesondere die „Rolle der Kategorie Geschlecht in den Neurowissenschaften“ auszuarbeiten. Ich untersuche, wie die neurowissenschaftliche Forschung Teil eines Macht-Wissens-Komplexes ist durch den die Kategorie Geschlecht kritiklos in unsere Körper, bis hin in die biologische Materie des Gehirns eingeschrieben wird. Dabei untersuche ich die Neurowissenschaft als ein diskursives Produkt. Wie sehen theoretisch die Prozesse aus, die die Einschreibung von Macht in unsere Körper widerspiegeln? Wie sehen diese konkret im disziplinarischen Wissen der Neurowissenschaft aus? Inwieweit sind sexualisierte Gehirne eine Nahtstelle zwischen Disziplinierung des Körpers und der normierenden Kontrolle durch den neurowissenschaftlichen Diskurs?
Geschlecht wird in der Hirnforschung nicht hinterfragt. Der einzige Umgang mit dieser Kategorie besteht im differenziellen Ansatz, d.h. der Kategorisierung der Versuchspersonen nach „Sex“. Darauf gründet die Gefahr essentialistischer Interpretationen.
In einem zweiten Teil möchte ich nach anderen Möglichkeiten für den Umgang mit Geschlecht suchen. Das bedeutet, primär zu untersuchen, wie Geschlecht von unserem Gehirn verarbeitet wird. Dabei rekurriere ich auf die theoretische Prüfgrösse des self-referential processings. Darüber hinaus bieten Konzepte wie der konstruktivistische Realismus oder die embodiment theory weitere Möglichkeiten, den vorgebahnten differenziellen Umgang mit Geschlecht in der Hirnforschung zu umgehe. |