| Description: | In der Forschung über das schweizerische katholische Milieu der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird unter anderem die Frage aufgeworfen, wie die Kohäsion der unterschiedlichen Gruppen zu einer sich als zusammengehörig fühlenden Gesellschaft stattfinden konnte. Dass diese Integration über Frömmigkeit und Religiosität verlief, wurde in der Literatur schon postuliert, bedarf aber noch der Fundierung durch die Analyse zeitgenössischen Materials. Dies ermöglicht der Quellenkorpus des 1872 gegründeten Marienvereins von Luzern, der dieser Dissertation als Grundlage dient. Mit den Zeugnissen der «Marienkinder» von Luzern kann Aufschluss gegeben werden über die Milieuidentifizierung einer bestimmten Gruppe der katholischen Gesellschaft, jener der jungen Frauen der Oberschicht.
These des Forschungsprojektes ist, dass im Rahmen des speziell für junge, unverheiratete Frauen gegründeten religiös-karitativen Marienvereins eine Integration der Frauen in das bürgerlich-katholische Milieu stattfand, indem sie dort durch karitative Tätigkeit, soziale Interaktion, Frömmigkeitsübungen und religiöse Bildung eine Plattform und Inhalte zur Subjektivierung und Identifizierung fanden. Schwerpunkt der Analyse wird die Religiosität sein, die sich in der Rezeption der religiösen Bildung in den Vereinstagebüchern manifestiert. Die Studie soll die integrative Wirkung der offerierten, selbstrezipierten und angeeigneten Religiosität sichtbar machen.
Die Arbeit wird somit einen Beitrag zur Forschungsfrage der Milieukohäsion der schweizerischen katholischen Gesellschaft leisten. Massgeblicher Hintergrund ist dabei die Literatur der schweizerischen kirchen- und religionshistorischen Forschung der Altermattschule, welche die Dynamik der Milieubildung des 19. Jahrhunderts schon breit bearbeitet und Erklärungskonzepte vorgelegt hat, die seit den 1970er Jahren bis heute Gültigkeit haben. Ausserdem wird die Arbeit auf jene Forschung Bezug nehmen, welche die These der Feminisierung der Religion im 19. Jahrhundert formuliert hat. Diese Literatur hat anhand von Konzepten der Geschlechtergeschichte Erklärungen erarbeitet, weshalb sich Frauen im 19. Jahrhundert in besonderem Masse für Religion, Frömmigkeit und Aktivitäten innerhalb der Kirchen interessierten. Diese Argumentationen werden für die Behandlung des Materials mitgedacht, gleichzeitig wird die Arbeit eine Detailstudie zur erwähnten These leisten. Die Frage nach dem Beitrag der Religion zur Ausformulierung der Geschlechterverhältnisse des 19. Jahrhunderts ist seit Mitte der 1990er Jahre eine formulierte Forschungslücke der Geschlechtergeschichte. Die Arbeit wird es erlauben, einen Beitrag zu diesen offenen Frage der zu leisten. Schliesslich wird die Arbeit einen Beitrag zur Geschichte der Religiositäts- und Frömmigkeitsformen des ultramontanen Katholizismus des 19. Jahrhundert liefern, einem Thema, das der Aufarbeitung im Detail noch weitgehend bedarf.
Theorien / Methoden: Geschlechtertheorien, Identitätstheorien, Hermeneutik |